Endlich kommt der Regen
Von Eileen Heerdegen
»Das muss ein Stück vom Himmel sein, Wien und der Wein …« Tatsächlich gibt es an der schönen, selten blauen Donau im 19. Wiener Gemeindebezirk Grinzing die Wiese »Am Himmel« mit herrlicher Aussicht, und wer noch höher hinaus will, kann ohne jegliche Kletterkünste per Bus den 484 Meter hohen Kahlenberg als letztes Aufbäumen der Alpen erleben und auf das Riesenrad im Prater hinabschauen.
Das ist 65 Meter hoch und heißt zum Glück nur Riesenrad und nicht »der Oschi« oder ähnlich, wie Andreas Dorau verwundert anmerkt, wir sind ja schließlich nicht in Berlin, wo Kongresshallen »Schwangere Auster« und Nilpferde »Knautschke« und »Bulette« heißen. Auch nicht in Hamburg, wo der Andreas und ich herkommen und man/frau wenig Gelegenheit zum Höhentraining hat.
Unsereins wird in der rotlackierten Gondel hoch über dem Prater ganz anders. Ich weiß das, Andreas Dorau vermutet es nur und geht mit seiner Höhenangst achtsamer um als ich, die sich einst eine Panikattacke inmitten eines Pulkes hin- und herschwankender Japaner und Amerikaner redlich verdient hat. »Warum tu’ ich mir das an, was tu’ ich hier in diesem Apparat?« sinniert der Exzentriker unter den Überlebenden der 80er über die Folgen, hätte er nicht doch abgelehnt, einmal live ganz oben den »Dritten Mann« nachzuerleben, der ihn seit seiner Jugend fasziniert.
Das könnte man allerdings auch weit unten haben, aber eine Harry-Lime-Gedächtnistour durch Wiener Kanäle stand nicht auf Andreas Doraus musikalischem Touriprogramm, wie überhaupt das neue Album »Wien« unter diesem Aspekt eine Mogelpackung zu sein scheint. »Tourist« – der Künstler behauptet, dass er vom Kahlenberg und Wiener Lebensgefühl so weit entfernt war wie vom Jupiter. »Ich bin nur ein Tourist / Ohne Ahnung, warum dieses oder jenes so ist / Ich such’ Unterhaltung / Ich such’ Sensationen / Ich will nicht wissen, wie arme Leute hier wohnen / Ich will zu Hause von meinen Reisen berichten / Von mir aus auch mit erfundnen Geschichten.«
Schräg und pointiert texten kann der Herr Dorau, und beispielsweise um Längen besser als das am gleichen Tag (14. Februar) erschienene neue Tocotronic-Album, auf dem sich »immer mehr« auf »zahlreicher« reimt und empfohlen wird, Feinde auf den Mund zu küssen. Da bietet der Seitenscheitel-Pulli-Mann hinter seiner konservativen Fassade Subversiveres. Wenn er mit seltsam gepresster Stimme, wie ein altes Kind oder ein junger Gartenzwerg, »Alles gleich« quäkt, möchte man aufspringen und, laut und sehnsüchtig wie einst Purple Schulz, »Ich will hier raus« schreien.
Auch wenn Dorau seinen Stil im Interview mit österreichischen Medien scherzhaft Austropop nennt (und für Schockmomente sorgt, wenn er öffentlich zugibt, Falco nicht zu mögen), überrascht er musikalisch wenig. Minimalistisches Synthie-Elektro-Irgendwas überwiegt, und auch wenn die Songs lange nicht so einfach gestrickt sind, wie man auf’s erste Ohr meinen könnte, schleicht sich bald, und leider mehr als beim sehr schönen letzten Album »Im Gebüsch«, die Assoziation zum 80er Casio-Beat ein. Aber Andreas Dorau hört man schließlich nicht vorrangig wegen der Kompositionen.
Das begleitende PR-Paket mit Social-Media-Fotos, ein einsamer goldener, mit Stickern beklebter Hartschalenkoffer in mehr oder weniger trostlosem Wiener Ambiente, Montagen aus grellfarbigen Postkarten vergangener Jahrzehnte, das alles lockt auf falsche Fährten. Auf »Wien« gibt es viel echtes Wien, ich lerne, dass bei »45 Lux« nicht nur auf der berühmten Strudlhofstiege automatisch die Laternen angehen, und es gibt sogar den längst vergessenen, aber legendären Spaziergang der Kunst- und Feminismusikone Valie Export, die den Künstler Peter Weibel vor genau 57 Jahren auf allen Vieren an der Leine in die Fußgängerzone Kärntnerstraße führte (»Lass uns spazieren gehen«, gemeinsam mit Stefanie Schrank).
Knapp 60 Jahre später drohen Schrecken wie knapp 100 Jahre früher. Da passt »Vienna Sur Mer« (Text: Carsten Friedrichs), eine Sehnsucht, in der Thomas Bernhard bunte Hüte trägt und der »grässliche Mann mit dem Bärtchen« weit weg ist. Leider regnet es zur Zeit zu wenig. In »Der Regen in Wien« heißt es: »(…) er spült alles davon / All die dunklen Gedanken / Die dämlichen Schranken / Alles soll verschwinden / Alles soll weg / Alles soll verschwinden / All der blöde Dreck / Endlich kommt der Regen / Er spült alles davon.«
Andreas Dorau: »Wien« (Tapete)
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