Nicht gerade Robin Hood
Von Dieter ReinischTagelang ist ein Sketch des irischen Satirikers Conor Moore in den sozialen Netzwerken viral gegangen: Es zeigt den irischen Regierungschef Taoiseach Micheál Martin (wie alle Figuren dargestellt von Moore) beim traditionellen Saint-Patrick’s-Day-Besuch im Weißen Haus bei Donald Trump. Neben dem US-Präsidenten Platz genommen hat dessen Stellvertreter J. D. Vance. Martin hat dagegen einen Mann mit gräulichem Haar und Strickpullover neben sich: »Hast du gesehen, was die beiden mit Selenskij gemacht haben? Deshalb habe ich dich mitgenommen«, flüstert Martin seinem Begleiter zu. »Soll ich die beiden aufmischen?« fragt dieser. Doch Martin versucht ihn zurückzuhalten: »Auf keinen Fall, du sollst nur dasitzen, nichts sagen und stark wirken.«
Doch der Begleiter und Trump freunden sich zur Überraschung von Martin rasch an: »Ich wollte Politiker werden, aber mir wurde die Wahl gestohlen«, sagt der Ire. »Mir auch«, zeigt sich Trump entzückt. Beide hätten während der Wahlkampagne auch in Haft gesteckt werden sollen. Die Parallelen sind frappierend. Zum Ende des Videos geht Martin aus dem Zimmer, er habe sich den Magen verdorben; und Trump und der ergraute Ire tanzen zu irischer Popmusik.
Abseits der Nostalgie
Während irische Politiker auch im realen Leben in den Tagen vor dem Saint Patrick’s Day dem Weißen Haus Besuche abstatten, ziehen Paraden auf beiden Seiten des Atlantiks durch Städte und Dörfer. In Dublin verläuft der Umzug über die O’Connell Street auf der nördlichen Seite des Flusses Liffey. Er ist beliebt bei Touristen. Auch bei vielen Nostalgikern und Revolutionsträumern vom Kontinent, die sich in Dublin auf die Spuren des irischen Unabhängigkeitskampfs machen. Vor dem Hauptpostamt GPO wurde zu Ostern 1916 die Republik ausgerufen. Weiter die Straße hinauf Richtung Norden kommt man am Garden of Remembrance vorbei, der 1966 zum 50. Jahrestag des Aufstands errichtet wurde.
Für viele geht die Tour noch weiter durch den Wahlkreis »Dublin Central«. Denn weiter nördlich, etwa zwanzig Minuten zu Fuß, liegt der Friedhof Glasnevin, auf dem viele irische Freiheitskämpfer begraben liegen. Nach wenigen Minuten tauchen entlang der Straße die ersten heruntergekommenen Mietshäuser auf und leerstehende Läden. Über einem hängt das Wahlplakat eines ergrauten Manns mit Bart und grau-hellblau gestreiftem Hemd: Gerard Hutch. »Wir brauchen einen Wandel, und ich bin der Mann dafür«, steht darunter. Er ist der grauhaarige Mann aus Conor Moores Sketch.
Kurz vor der Wahl Ende November sagte Hutch in einem Interview mit Newstalk: »Vielleicht hätte ich bereits mit 20 Politiker werden sollen.« Er wolle gar nicht Politiker werden, er könne sich auch entspannen, doch: »Ich mache es für die Leute, sie drängen mich dazu.« Im Wahlkampf positionierte sich Hutch als der Robin Hood Dublins. Er wolle die Politik aufmischen. Der Wahlkreis, in dem er zu den Parlamentswahlen antrat, ist einer der heterogensten Irlands. Um Glasnevin sind die Einwohner wohlhabend, im Südwesten um Stoneybatter ist die Gentrifizierung sichtbar: Bioläden, Regenbogenfahnen und kahle Caffè-Latte-Läden. Doch ganz am nordwestlichen Rand des Wahlkreises liegt Cabra, eine der ärmsten Nachbarschaften in der irischen Hauptstadt.
In manchen Gegenden im Westen des Wahlkreises sieht die soziale Lage nicht besser aus. Dort liegt auch die Sheriff Street, eine heruntergekommene Gegend mit hoher Kriminalitätsrate. Viele Jahre lang war sie für die Wohnanlagen bekannt, die aus den St. Laurences Mansions, den St. Bridgets Gardens und dem Phil Shanahan House bestanden. Armut und Kriminalität erreichten während der Dubliner »Heroinepidemie« der 1980er und 1990er Jahre ihren Höhepunkt. Ende der 1990er Jahre wurden viele Häuser abgerissen, und das Viertel wurde gentrifiziert. Viele Bewohner wurden in der Nähe untergebracht, während andere das Viertel verließen. Die Lower Sheriff Street ist nach wie vor ein Arbeiterviertel. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 17 Prozent. Von der Regierungsbehörde Pobal wird die Gegend als »sozial benachteiligt« eingestuft.
Bankraub ist okay
»Wenn ich gewählt werde, kümmere ich mich um die Menschen hier«, sagte Hutch dazu in seinem Newstalk-Interview. Der 61jährige wuchs selbst in der Gegend als Sohn von Hafenarbeitern auf. »Sie hatten ein wildes Leben, von den Ermittlungen der Finanzpolizei bis zum Bandenkrieg«, sagt der Reporter. »Das sind Geschichten von gestern, man muss nach vorne schauen«, antwortet Hutch, der auch »The Monk« genannt wird, seit er 1985 aus dem Gefängnis entlassen wurde.
Die darauffolgenden Jahrzehnte stieg er zu einem der mächtigsten Untergrundbosse Irlands auf, der mutmaßlich lange Zeit den Handel mit Heroin und Kokain über Marokko und Spanien auf die irische Insel und von dort weiter nach Großbritannien und Nordeuropa kontrollierte. Doch neben Hutch stieg auch ein anderer krimineller Clan in Dublins Hauptstadt auf: die Kinahans. Im vergangenen Jahrzehnt entspannte sich ein Drogenkrieg um Einflusszonen. 50 Attentatsversuche gab es, 18 Menschen starben, viele in der Gegend um die Sheriff Street.
Im Wahlkampf spielte Hutch die soziale Karte aus: Er wolle sich um die armen Menschen kümmern und etwas gegen die Obdachlosigkeit tun, erzählte er den Medien: »Wir brauchen leistbaren Wohnraum; es kann nicht sein, dass man in Dublin 120.000 Euro pro Jahr verdienen muss, um sich eine Eigentumswohnung leisten zu können«, sagt er im Newstalk-Interview.
Das Kalkül ging fast auf: Er landete auf dem fünften Platz eines Wahlkreises mit vier Sitzen. Er galt lange als aussichtsreicher Kandidat für den letzten Sitz, bevor seine Labour-Gegenspielerin Marie Sherlock einen späten Endspurt hinlegte. Es war ein überraschendes Ergebnis, denn die Konkurrenz an der Wahlurne war stark: Der damalige Minister Paschal Donohoe trat gegen die Sinn-Féin-Vorsitzende Mary Lou McDonald an. Die beiden anderen amtierenden Abgeordneten waren Gary Gannon von den Sozialdemokraten und Neasa Hourigan von den Grünen, ebenfalls prominente Politiker mit nationalem Profil.
Mehr als 3.000 Erststimmen erhielt der mutmaßliche Drogenboss an der Wahlurne, am Ende fehlten ihm nur 781 Voten für einen Sitz im Parlament. Das Ergebnis spiegelt die soziale und wirtschaftliche Krise Irlands wider, die besonders in den innerstädtischen Arbeiterbezirken zutage tritt, die von enormer Armut und hoher Kriminalitätsrate geprägt sind. So wurde Hutch für viele Menschen eine wählbare Alternative gegen die etablierten Parteien.
Der Großteil seiner Unterstützung stammte aus seiner Heimatgegend im Nordosten der Innenstadt, wo Jamie Brennan in einem Hort in der Sheriff Street arbeitet: »Ich lebe seit 40 Jahren hier, und der einzige Mensch, den ich je an meine Tür klopfen sah, war Gerry ›The Monk‹ Hutch. Er kennt die Gegend und weiß, was gebraucht wird«, erzählte er dem Sender RTÉ nach der Wahl. »Es beginnt mit den kleinen Dingen, den Jugendklubs und allem, was man braucht, damit Kinder aufwachsen und eine Bildung bekommen, die sie zum Wählen berechtigt.«
Während des Wahlkampfs wurde Hutch in Spanien festgenommen. Gegen eine Kaution in Höhe von 100.000 Euro setzte das Gericht auf Lanzarote ihn auf freien Fuß, obwohl die spanischen Ermittlungen zu seiner mutmaßlichen Rolle in einem internationalen Geldwäschenetzwerk andauern. Seine Popularität in Dublin nahm dadurch keinen Schaden. Brennan betonte, Hutch verstehe die Menschen in der Gegend und ihre Probleme: »Er kann sich in die Menschen und unsere Probleme hineinversetzen, weil er hier großgeworden ist. Sein Vater ist hier aufgewachsen, seine Brüder und Schwestern ebenfalls.«
Der Sozialarbeiter Pat Gates leitet ein Jugendzentrum in der Gegend. Armut und Kriminalität seien weitverbreitet: »Es gibt in dieser Gegend enorme psychische Probleme, eine große Anzahl ererbter Traumata und belastender Kindheitserlebnisse.« Das seien tiefgreifende, komplexe und systemische Schwierigkeiten, betont er gegenüber RTÉ. Die Regierungen hätten es nicht geschafft, »den Teufelskreis aus Armut, Ausgrenzung, Kriminalität und Sucht in dieser Gegend anzugehen und zu durchbrechen, obwohl sie über die Jahrzehnte viele Gelegenheiten dazu gehabt hätten«. Daraus sei die Unterstützung für Hutch erwachsen.
Jahrhundert vertan
Auch die Sozialistin und ehemalige EU-Abgeordnete Clare Daly trat erstmals in dem Wahlkreis an und fuhr eine überraschend herbe Schlappe ein: Nur 1.300 Erststimmen erhielt sie – weniger als die Hälfte von Hutchs Stimmen: »In dem Moment, als Hutch seine Kandidatur bekanntgab, war dies das Ende meiner Chancen«, erzählt sie im Gespräch mit jW. Viele Proteststimmen seien daher an Hutch gegangen: »Es war eine Kombination aus der völligen Vernachlässigung der Dubliner Innenstadt und dem Wunsch der Wähler, mit einer kontroversen Figur die Politik aufzumischen«, analysiert sie.
Hutch sei mehr als ein »gewöhnlicher Krimineller«, sagt Daly: »Er leugnet, in den Drogenhandel involviert zu sein, in mehr als 40 Jahren hatte er keine Verurteilung. Er kommt aus der Gegend, seine Familie ist von da und sehr bekannt und respektiert unter den Menschen.« Seine schwersten Verurteilungen waren wegen Bankraubs, doch dies habe seinem Ansehen geholfen, glaubt Daly: »Bankraub ist in Ordnung, wenn man selbst aus einer armen Gegend kommt.« Sie vergleiche die Rolle von Hutch mit jener von Luigi Mangione in den USA, der Anfang Dezember den Direktor von United Healthcare in New York erschossen haben soll: »Den Menschen wird schlecht, wenn sie den Wohlstand dieser Konzerne sehen, während sie selbst nichts mehr haben.« Das Wahlergebnis zu erklären sei kompliziert, aber hauptsächlich hätten die Menschen, die von der Regierung vernachlässigt werden, den Politikern deutlich den Mittelfinger zeigen wollen, glaubt sie: »Die Menschen in der Innenstadt glaubten, sie wählen einen von ihnen.« Das Ganze sei für sie leicht zu verstehen: »In dem Wahlkreis gibt es enorme Wohnprobleme, offen Drogenhandel auf der Straße. Es ist eine wirklich arme Gegend.«
Der ehemalige Regierungschef Simon Harris von der rechtsliberalen Fine Gael war erleichtert, als er hörte, dass Hutch nicht gewählt wurde, sagte er der Irish Times: »Ich finde es interessant, wie ein verurteilter Krimineller, der soviel Leid über die Gegend gebracht hat, während der gesamten Parlamentswahl wie ein Star behandelt wurde.« Am Flughafen in Dublin hätten »Scharen von Menschen« gestanden, die »ihn fast willkommen hießen«, erzählt Harris: »Kriminalität ist nicht Berühmtheit. Sie bringt Schmerz, Elend und Leid über die Menschen.«
Doch in der Regierungszeit von Harris 2023/24 verschlimmerten sich die sozialen Probleme und dadurch die Kriminalität. Am Weg zurück vom Friedhof Glasnevin kommt man am Parnell Square vorbei, wo noch die Reste von Kerzen und vertrockneten Kränzen am Gehsteig liegen. Im November 2023 war es an der Stelle zu einem Messerangriff auf Schulkinder vor einer irischsprachigen Schule gekommen und anschließend zu rassistischen Unruhen in der gesamten Dubliner Innenstadt.
Kriminalität rund um die O’Connell Street im südlichen Teil des Wahlkreises hat in den vergangenen Jahren die Berichterstattung der Medien dominiert. Regierung und Lokalpolitiker forderten eine verstärkte Polizeipräsenz und hartes Durchgreifen. Pläne zur Lösung der sozialen Probleme legten sie nicht auf den Tisch. Laut einer Studie, die im Januar 2024 veröffentlicht wurde, steht Dublin unter den europäischen Städten mit der höchsten Kriminalitätsrate an neunter Stelle.
Gegenüber der New York Times betonte eine Einwohnerin der Dubliner Innenstadt, Janice O’Keeffe, sie habe die Nase voll vom Establishment: »Sie hatten 100 Jahre Zeit, sich zu beweisen, und haben nicht viel erreicht«, sagte sie über die zwei größten politischen Parteien Irlands, Fianna Fáil und Fine Gael. Beide haben sich mittels der Unterstützung von unabhängigen rechten Abgeordneten wieder eine knappe Parlamentsmehrheit im neuen irischen Parlament gesichert. Im Regierungsprogramm sind kaum umsetzbare Pläne zur Lösung der Wohnungsnot, Infrastruktur- und Gesundheitskrise enthalten, auch nicht gegen die Teuerung, die Irland seit der Wirtschaftskrise 2008 durchgehend plagt, betonen mehrere Experten.
Der Unterweltboss wurde aber gerade wegen dieser sozialen Krise eine zentrale Figur des öffentlichen Lebens in Irland. Antworten für Benachteiligte bietet auch er nicht, betont Daly, trotz seines Images als Dublins Robin Hood des 21. Jahrhunderts.
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