»Die Jugend wird den Frühling bringen«
Von Nick Brauns
Während ihre Familien das Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan feierten, mussten rund 300 Studenten in der Türkei am Wochenende das Zuckerfest hinter Gittern verbringen. Denn sie waren bei den jüngsten Protesten gegen die Inhaftierung des Istanbuler Oberbürgermeisters Ekrem İmamoğlu in Untersuchungshaft genommen worden.
Studenten bilden derzeit die Avantgarde der landesweiten Protestbewegung. »Die Verhaftung von Ekrem İmamoğlu war der Tropfen, der das Fass für eine Generation zum Überlaufen brachte, der man bereits die Zukunft gestohlen hatte«, schreiben Studenten der Technischen Universität des Mittleren Ostens (ODTÜ) in Ankara in einem von der linken Tageszeitung Birgün veröffentlichten Brief. »Was auch immer es kosten würde, wir konnten nicht länger schweigen. Wir hatten keine andere Wahl, als uns zu erheben, um unser Leben einzufordern und für unsere Zukunft zu kämpfen.«
Viele Studenten wurden bei den Protesten von der Polizei nicht nur mit Tränengas und Plastikschrot beschossen, sondern auch nach ihrer Festnahme misshandelt. »Bei den inhaftierten Studenten wurden sichtbare Zeichen von Schlägen und Gewalt festgestellt«, heißt es in einer Erklärung der Anwaltskammer von Izmir nach einem Besuch bei Jugendlichen im Menemen-Gefängnis. Der Abgeordnete der Oppositionspartei CHP, Sezgin Tanrıkulu, berichtete in sozialen Medien von einer 18jährigen Studentin, deren Bein von Polizisten gebrochen worden war. Obwohl ein ärztliches Gutachten die Notwendigkeit einer Notoperation bestätigt habe, sei die junge Frau vor Gericht gestellt und anschließend inhaftiert worden.
Die Hoffnung mancher Studenten liegt nun auf der Arbeiterbewegung. »Wir rufen die Arbeiter auf, gemeinsam mit den Studierenden zu kämpfen«, hieß es in einer am Montag von der kurdischen Nachrichtenagentur ANF veröffentlichten Erklärung von Studentinnen aus dem Frauengefängnis Marmara. »Unsere Inhaftierung dient der Einschüchterung«, erklärte Seçil Murtazaoğlu, die Chemietechnik an der Technischen Universität Istanbul studiert und nach ihrer Teilnahme am Vorlesungsboykott inhaftiert wurde. »Aber wir lassen uns nicht brechen. Unser Weg ist der des Widerstands – und niemand kann uns davon abbringen. Den Frühling werden wir, die Jugend, bringen.« Murtazaoğlu fordert, dass der laufende akademische Boykott in einen landesweiten Generalstreik überführt wird.
An einer Großkundgebung von İmamoğlus kemalistisch-sozialdemokratischer CHP mit Hunderttausenden Teilnehmern hatten sich am Sonnabend in Istanbul auch zahlreiche Mitglieder sozialistischer Parteien und linke Gewerkschaftsdachverbände beteiligt. Auf einem großen Banner hieß es: »Boykott, Streik, Widerstand für ein menschenwürdiges Leben.« Die CHP selbst orientiert auf den Boykott von Regierungsmedien – also des Großteils der türkischen Fernsehsender und Zeitungen – sowie deren Unterstützer. »Wenn wir ihre Werbung auf TRT, CNN Türk, TGRT, Ahber, in der Turkiye, Sabah, Akşam, Yeni Şafak sehen, werden wir ihr Produkt nicht kaufen«, kündigte der CHP-Vorsitzende Özgür Özel auf der Kundgebung an. Dies gilt auch für deutsche Unternehmen: »Volkswagen und Audi stehen auf unserer Boykottliste.«
Oppositionelle Nationalisten beschuldigen derweil die Kurden, sich aufgrund der Gespräche mit dem inhaftierten PKK-Gründer Abdullah Öcalan nicht am Widerstand gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan zu beteiligen. Vermehrt waren auf Oppositionskundgebungen zuletzt kurdenfeindlichen Parolen zu vernehmen. Dennoch beteiligten sich an der Istanbuler Kundgebung Tausende Kurden mit Fahnen der prokurdischen Dem-Partei. Ihre Hoffnung auf einen Friedensprozess gibt die Partei nicht auf. Erstmals besuchten sich am Montag Delegationen von Dem und der zur Regierungsallianz gehörenden faschistischen MHP in ihren Zentralen, um Grüße zum Zuckerfest auszutauschen. Der Dem-Vizevorsitzende Öztürk Türkdoğan forderte dabei die Freilassung der inhaftierten Oppositionellen und drückte seine Hoffnung aus, »dass wir zum letzten Mal einen so düsteren Feiertag erleben«.
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