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Aus: Ausgabe vom 02.04.2025, Seite 6 / Ausland
Marokko

Marrakesch in Algerien

Algerisch-französischer Aktivist stellt staatliche Narrative in Frage – und wird in Marokko kurzzeitig festgenommen
Von Sabine Kebir
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Immer mittendrin: Der Aktivist Rachid Nekkaz bei den Protesten gegen Bouteflika (Paris, 10.3.2019)

Ebenso originell wie gelehrt hat der 1972 bei Paris in einer algerischen Familie geborene politische Aktivist Rachid Nakkaz mit einer Videoperformance in die Debatte um die Marokkanität großer Teile Westalgeriens eingegriffen. Losgetreten hatte sie der franko-algerische Autor Boualem Sansal in der extrem rechten französischen Zeitschrift Frontières. Keinesfalls billigt Nekkaz, dass Sansal in Algerien verhaftet und kürzlich zu fünf Jahren Haft sowie einer Geldstrafe verurteilt worden ist. Als ehemaliger Absolvent der historischen Fakultät der Sorbonne fühlt er sich jedoch berufen, die Absurdität hervorzuheben, aus fragwürdigen historischen Herleitungen Gebietsansprüche zu konstruieren.

Während des am Wochenende zu Ende gegangenen Ramadan veröffentlichte er ein Video, das ihn vor dem wichtigsten nationalen Monument Marokkos zeigt, der Koutoubia-Moschee in Marrakesch. Dort präsentiert er Dokumente, wonach die Koutoubia im 12. Jahrhundert während der Regentschaft des im algerischen Nedroma geborenen Almohaden Abdel Moumen errichtet wurde, der den ganzen, damals grenzenlosen Maghreb vom Atlantik bis Libyen beherrschte – und zwar vier Jahrhunderte vor der Gründung der Dynastie der Alawiden, von denen das heutige marokkanische Herrscherhaus abstammt. Algerien, so Nekkaz, könne sich also zu der Behauptung versteigen, Marrakesch sei eigentlich algerisch.

Zunächst trägt der Aktivist in dem Video nur die algerische Fahne um den Hals. Während er plausibel macht, dass die Spaltung der Völker des Maghreb ein überwindbares koloniales Erbe ist und grenzüberschreitender Zusammenarbeit Platz machen müsse, zieht er auch die marokkanische Fahne hervor und plädiert für die Verbrüderung der Völker des Maghreb. Dass französische Medien verbreiten, Marokko sei in Algerien verhasst, stimme einfach nicht. Schließlich regierten dort bereits drei ehemalige Führer des von König Mohammed V. stark unterstützten Unabhängigkeitskrieges als Präsidenten, deren persönliche Bindung an Marokko bekannt war.

Die Eltern des ehemaligen algerischen Staatsoberhaupts Ahmed Ben Bella stammten aus Marrakesch. Abdelaziz Bouteflika wurde in der marokkanischen Grenzstadt Oujda geboren, wo er auch die Schule besuchte. Und der nach dem Abbruch der Wahlen 1992 vom Militär eingesetzte Präsident Mohammed Boudiaf war ein Führer im Befreiungskrieg, wurde danach aber politisch verfolgt und ging 1965 ins marokkanische Exil. Seine Rückkehr als Interimspräsident wurde in enger Kooperation mit den marokkanischen Behörden organisiert, mit denen er in Kontakt blieb, um eine Annäherung beider Länder und womöglich auch die Lösung des Westsahara-Problems zu forcieren. Da man in Marokko auf die Infragestellung staatlicher Narrative empfindlich reagiert, wurde Nekkaz wegen seiner Performance verhaftet, kam aber nach intensiven Diskussionen mit den Polizisten über Geschichte nach sechs Stunden frei.

Als politischer Aktivist blickt er auf eine stolze Bilanz zurück. Nach einer ersten Karriere als erfolgreicher Unternehmer gab Nekkaz 2013 die französische Staatsbürgerschaft auf, weil er sich in Algerien politisch betätigen wollte. Um Land und Leute kennenzulernen, durchwanderte er es über 3.000 Kilometer zu Fuß, was ihn besonders bei jungen Leuten populär machte. Da er mit einer US-Amerikanerin verheiratet ist, scheiterte seine Kandidatur für das höchste Staatsamt an dem Gesetz, wonach der Präsident keine aktuelle familiäre Verbindung ins Ausland haben soll. Sein politisches Temperament brachte Nekkaz 2019 in algerische Gefängnisse. 2023 wurde er von Präsident Abdelmadjid Tebboune begnadigt. Seitdem ist er auf vielen Internetplattformen als Performer für Algeriens Demokratisierung tätig, unterstützt aber auch seinen ehemaligen Konkurrenten Tebboune, weil er die Korruption höchster Regierungskader bekämpft und wie keiner seiner Vorgänger ökonomische Hebel setzt, die die nationale Produktivität steigern.

Da es nach dem Ende des algerischen Befreiungskrieges unter dem Nachfolger des marokkanischen Königs Mohammed V. zu einem Grenzkrieg kam und die USA in Marokko eine permanente Militärpräsenz unterhalten, sind die Gebietsansprüche Marokkos durchaus ernstzunehmen. Neuerdings existiert auch eine israelische Militärbasis bei der in Grenznähe gelegenen spanischen Enklave Melilla.

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