Kritiker ausgeladen
Von Max Grigutsch
Einem liberalen Staat wäre die Meinung eines liberalen Philosophen kein Dorn im Auge. Auf Druck von »Vertretern der israelischen Regierung« wurde der deutsch-israelische Philosoph Omri Boehm von einer Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora ausgeladen. Das verkündete der Stiftungsdirektor der Gedenkstätte Buchenwald, Jens-Christian Wagner, am Dienstag in einer Pressemitteilung. Man habe sich entschieden, die Rede von Boehm »auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben«. Den Konflikt mit der israelischen Regierung fasse man mit »großem Bedauern« auf. Die Einladung an den Philosophen sei zurückgenommen worden, um »die Überlebenden zu schützen« und ihrer Instrumentalisierung vorzubeugen. Zu der am Sonntag in Weimar geplanten Gedenkfeier werden etwa zehn Überlebende des Hitlerfaschismus erwartet.
Die Selbstbefreiung der Häftlinge des KZ Buchenwald erfolgte am 11. April 1945 nach jahrelanger geheimer Organisierung von vor allem kommunistischen Häftlingen, als US-Panzer in der Nähe des Lagers auftauchten. Die Selbstbefreiung ist nach dem Ende der DDR immer wieder relativiert worden, um einzig und allein die US-Armee als Befreier zu würdigen. Die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) bemüht sich darum, die Erinnerung an die Selbstbefreiung wachzuhalten.
Nach Angaben von Jens-Christian Wagner war Boehm als »international anerkannter deutsch-israelischer Philosoph und Enkel einer Holocaustüberlebenden« und aufgrund seiner Fähigkeit, »auf einem hohen Reflexionsniveau ethisch fundierte Gedanken« fassen zu können, eingeladen worden. Fundierte Gedanken mögen auch mal kritisch sein. Der in Haifa geborene Philosoph bezeichnete Israel in seinem 2021 erschienenen Buch »Haifa Republic« als »ethno-nationalistisches Projekt«, das liberalen Zielen entgegenstehe. Er hingegen propagiert eine binationale Einstaatenlösung mit autonomen Regionen und einer gemeinsamen Verfassung mit gleichen Rechten für jüdische und arabische Bürger. Das, so Boehm, sei die ursprüngliche Intention des Zionismus gewesen. Das Ziel: »Eine demokratische Zukunft für Israel«.
Gleiche Rechte für alle? Das läuft der israelischen Regierung zuwider. Als »eklatante Beleidigung des Gedenkens an die Opfer« bezeichnete die israelische Botschaft in Berlin die Einladung des Philosophen am Mittwoch auf der Onlineplattform X, nachdem der Spiegel berichtet hatte. Mit Boehm hätte man einen Mann eingeladen, der den Holocaust relativiere und diesen mit der Nakba (die Vertreibung der Palästinenser bei der Staatsgründung Israels 1948, jW) vergleiche. »Unter dem Deckmantel der Wissenschaft versucht Boehm, das Gedenken an den Holocaust mit seinem Diskurs über universelle Werte zu verwässern«, heißt es weiter. Boehm hat in der Vergangenheit immer wieder das Vorgehen Israels gegen die Palästinenser kritisiert. In den Augen der Botschaft erhebt der »Staat Israel« aber seine Stimme für diejenigen, »die damals keine Stimme hatten«.
Laut der Geschäftsführerin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International Österreich, Shoura Hashemi, gehe es bei der Ausladung Boehms darum, »völlig legitime Meinungen zu unterdrücken und auszulöschen«, so Hashemi am Mittwoch auf X. Auch der Journalist Hanno Hauenstein fand es am Mittwoch auf der Plattform »beschämend, wie schnell deutsche Institutionen unter rechtem Druck einknicken«.
Boehm selbst äußerte sich zu den Vorgängen indessen nicht. In der Mitteilung der Gedenkstätte Buchenwald ist von einem »vertrauensvollen Gespräch« mit dem Philosophen die Rede. Für die Gedenkveranstaltung eingeplant sind nach Informationen des Spiegels weiter Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) und der frühere Bundespräsident Christian Wulff (CDU). Ebenfalls erscheinen darf wohl Ron Prosor, israelischer Botschafter in Deutschland und ehemaliger Offizier des israelischen Militärs. Dieser hatte Boehm bereits in einem Ende Januar auf X veröffentlichten Schreiben als einen »von Selbsthass zerfressenen Israeli und antisemitischen Juden« bezeichnet.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Christoph Assenmacher aus Essen (4. April 2025 um 07:49 Uhr)Hat sich denn der sonst so streitbare Herr Wagner als Hausherr dazu geäußert?
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