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Aus: Ausgabe vom 05.04.2025, Seite 2 / Feuilleton
Einstein und die Bombe

»Er war Pazifist, aber ermöglichte die Atombombe«

Theaterstück über Albert Einstein und dessen persönliches Dilemma warnt vor nuklearer Vernichtung. Ein Gespräch mit Karoline Hugler und Julian Tyrasa
Interview: Marc Bebenroth
Einstein und die Bombe 1.jpg
Edward Scheuzger als Albert Einstein auf der Bühne des Theaters Comédie Soleil. Die Standuhr zeigt mit 8.16 Uhr den Zeitpunkt, als die US-Atombombe »Little Boy« über Hiroshima explodierte (Werder, 11.3.2025)

Am Theater Comédie Soleil im brandenburgischen Werder (Havel) laufen noch bis 13. April die Themenwochen unter dem Motto »Alptraum Atombombe«. Was hat Sie dazu bewegt, ein Programm zu gestalten, das nicht gerade eine unterhaltsame Zeit im Theater verspricht?

Karoline Hugler: Es gibt Zuschauer, die total begeistert waren. Aber »Einstein und die Bombe« ist bislang schlechter besucht als unsere anderen politischen Stücke. Es gibt einzelne, die sich nicht Bilder angucken wollen von den Menschen aus Hiroshima nach dem Bombenabwurf am 6. August 1945. Die Idee des Stücks ist vor ein paar Jahren entstanden. Jetzt ist es aber so erschreckend aktuell mit dieser ganzen Aufrüstung. Wir haben versucht, uns zu vernetzen, wodurch diese Vortragsreihe entstand, zum Beispiel mit Ingar Solty von der Rosa-Luxemburg-Stiftung oder dem IPPNW und ICAN (Internationale Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges und Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, jW).

Julian Tyrasa: Ich bin als Kind des Kalten Krieges großgeworden, habe die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit 14 Jahren erlebt. Diese Angst vor Strahlenkrankheit und Strahlenschäden hat mich im Prinzip wie ein Horrorfilm seit meiner Jugend begleitet.

Wieviel Vorwissen bringt Ihr Publikum mit?

J. T.: Tatsächlich ist der Bildungsstand des Publikums schon sehr hoch. Wer zu diesem Stück, in die Vorträge oder zum Publikumsgespräch mit mir kommt, hat auch ein Interesse am Thema und setzt sich damit auseinander.

Ihr Einstein, gespielt von Edward Scheuzger, steht allein auf der Bühne. Vieles aus seinem Monolog speist sich aus Originalzitaten. Einsteins Opposition zu Wehrpflicht, Militarismus, Krieg – und menschlicher Dummheit – wirkt hochaktuell.

J. T.: Einstein hatte eine so klare Haltung zum Frieden, wie man sie heute in der tagesaktuellen Diskussion erschreckenderweise fast gar nicht mehr hört. Dieses radikal pazifistische Stück ist immer an Finanzierung und organisatorischen Problemen gescheitert. Dass wir es ausgerechnet jetzt machen, hat dem Ganzen eine andere Farbe gegeben.

K. H.: Frieden und Pazifismus sind uns beiden ein Herzensanliegen. Die Ursprungsidee war aus dem persönlichen Dilemma von Albert Einstein entstanden, der Pazifist war, aber durch seine Forschung die Möglichkeit der Atombombe geschaffen hat – und schließlich US-Präsident Roosevelt damals diesen bekannten Brief geschrieben hat, in dem er warnte, dass Hitlerdeutschland die Bombe vielleicht schon haben könnte. Uns geht es aber nicht nur um das Historische, sondern um die Gefahren überhaupt, auch gegenwärtig.

Teil zwei des Stücks greift noch häufiger auf Zitate zurück. Welche Absicht steckt dahinter?

J. T.: Die Zitate von Einstein häufen sich gezielt im zweiten Teil des Stücks, wenn es sehr emotional wird und über Sinn und Unsinn von Atomenergie sowie erst recht von Atombomben nachgedacht werden soll. So bediene ich mich gerade nicht bloß dieser Figur, um meine Auffassung zu transportieren. Einstein hat das alles wesentlich intelligenter und umfassender durchdacht, als ich das wahrscheinlich jemals kann.

Als einzige andere Stimme ist die von US-Präsident Harry S. Truman zu hören. Warum spielen Sie dessen Ansprache zum Abwurf der Atombombe auf Hiroshima ab?

J. T.: Weil ich es erschreckend finde, wie er spricht. Da ist diese 1:1-Analogie zur Drohung Putins am Tag nach dem Überfall auf die Ukraine. Er hat auch von einem Zerstörungs- oder Vernichtungsregen gesprochen, wie ihn diese Welt noch nie gesehen hat. Aber es gibt auch diesen kurzen Moment von zwei, drei Sekunden, in denen Truman über irgendein Witzchen während der Drehpause lacht. Das ist so unheimlich. Dann wird er wieder ernst und sagt, man werde Japan total vernichten.

Im Stück wird deutlich gemacht, dass der Abwurf der Bomben zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr notwendig war, sondern dass es Rache für den Angriff der Japaner auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 war, als Machtdemonstration diente und einer inneren Logik folgte: Man hat die Bomben für zwei Milliarden Dollar entwickelt, also müsse man sie auch einsetzen.

Karoline Hugler ist Schauspielerin und Regisseurin. Julian Tyrasa ist Autor und Regisseur. Sie haben die künstlerische Leitung der Inszenierung des von Tyrasa verfassten Stücks »Einstein und die Bombe« inne, das am Comédie Soleil in Werder (Havel) aufgeführt wird.

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