Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Ausgabe vom 05.04.2025, Seite 3 / Schwerpunkt
Großbritannien

Ohne London kein Gazakrieg

Hunderte »Aufklärungsflüge« über Gazastreifen seit Beginn des israelischen Feldzugs. Auch Militärtransporter starten von Basis auf Zypern
Von Christian Bunke
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»Nicht unbedingt sagen, was ihr tut«: Starmer instruiert seine Truppe beim Besuch auf Zypern (Akrotiri, 10.12.2024)

Am 29. Februar startete von dem auf der Insel Zypern gelegenen britischen Militärflughafen Akrotiri ein Spionageflugzeug des Typs »Shadow R1« mit der Flugnummer RFR 7141 und der Registrierungsnummer ZZ 416. Die Flotte der »Shadow R1«-Flugzeuge dient der britischen Luftwaffe zur Bodenaufklärung. Laut Selbstdarstellung ist das Flugzeug mit »hochauflösenden elektro-optischen und elektronischen Sensoren« ausgestattet. Es hilft »Analysten bei der Erstellung umfassender Aufklärungsprodukte. Über Satellitenkommunikationsverbindungen können Informationen heruntergeladen und während eines Einsatzes an Bord gebracht werden«, heißt es auf der Homepage der Luftwaffe weiter. Besonders wertvoll seien die so gewonnenen Erkenntnisse für Kommandeure am Boden.

Operiert werden die Flugzeuge der Flotte durch die »No. 14 Squadron«, des 14. Geschwader der britischen Luftwaffe. Heimatflughafen ist eigentlich der Stützpunkt Waddington in der englischen Grafschaft Lincolnshire. Doch seit Oktober 2023 fliegt das Geschwader regelmäßig Einsätze von Zypern aus. Mindestens 518 sollen es zwischen dem 3. Dezember 2023 und dem 27. März 2025 gewesen sein – alle über den durch Israel besetzten palästinensischen Gebieten und viele davon über dem Gazastreifen. Das geht aus einer akribischen Auswertung öffentlich zugänglicher Flugdaten durch die britische NGO »Action on Armed Violence« hervor, die junge Welt vorliegt. Der Einsatz des Geschwaders fällt somit direkt mit dem völkermörderischen Krieg Israels im Gazastreifen zusammen. Die Frage, die sich die NGO nun stellt, ist, welche Rolle Großbritannien in diesem Krieg genau spielt.

Klar ist, dass der Einsatz nur mittels der weitverzweigten militärischen Infrastrukturen der NATO funktionieren kann. Das macht der bereits erwähnte Flug mit der Nummer RFR 7141 deutlich. Dessen Details wurden jW von »­Action on Armed Violence« zur Verfügung gestellt als Beispiel dafür, wie Deutschland indirekt in diesen Einsatz involviert ist. Denn RFR 7141 flog zunächst den zivilen italienischen Flughafen Bari für eine Zwischenlandung an. Dann ging es weiter zum US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein bei Kaiserslautern. Das ist jener Luftwaffenstützpunkt, von dem aus das US-Militär unter anderem weltweite Kriegseinsätze von Kampfdrohnen oder auch die Rüstungshilfe für die Ukraine koordiniert. Hier verweilte das Aufklärungsflugzeug bis zum 1. März, bevor der Flug Richtung Heimatstützpunkt Waddington fortgesetzt wurde. Es ist nur ein kleines Detail. Aber es zeigt wieder einmal, dass globale Kriege und Konflikte nicht ohne militärische Infrastrukturen in Deutschland geführt werden können.

Laut »Action on Armed Violence« soll das Flugzeug an zahlreichen Einsätzen über dem Gazastreifen beteiligt gewesen sein – bis heute. Das geht wiederum nicht ohne den britischen Luftwaffenstützpunkt Akrotiri, der seinerseits ein Beispiel kolonialer Vergangenheit und Gegenwart ist. Von hier starten nicht nur britische Aufklärungsflüge. Seit Beginn des jüngsten Gazakriegs sind es auch immer wieder britische und US-amerikanische Militärtransportflugzeuge Richtung Israel. Was sie genau transportierten, darüber schweigen sich die betreffenden Regierungen aus. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass es sich um Rüstungsgüter handelt – um die durch den Krieg im Gazastreifen vernutzten Vorräte der israelischen Streitkräfte neu zu befüllen.

Der Militärflughafen Akrotiri liegt auf vom Vereinigten Königreich annektiertem Gelände. Als in den Jahren 1955 bis 1959 auf Zypern ein Aufstand gegen die britische Besatzung losbrach, reagierten britische Truppen mit Folter, Genitalverstümmelungen, Vergewaltigungen und Mord. Im Jahr 1956 koordinierte das britische Militär von hier aus den Versuch, die Kontrolle über den Suezkanal in Ägypten zu behalten. All dies sind Aspekte einer Kolonialgeschichte, die in Großbritannien bis heute nicht aufgearbeitet worden sind und in Schulen kaum unterrichtet werden. Der Widerstand auf Zypern gegen die britische Präsenz ist jedoch ungebrochen. Seitdem die britische Luftwaffe wieder regelmäßig Richtung Gaza fliegt, existiert dort eine antimilitaristische Kampagne, die Proteste dagegen organisiert.

London bügelt kritische Nachfragen bezüglich der Aufklärungsflüge regelmäßig ab. Sowohl die ehemalige konservative als auch die derzeitige sozialdemokratische Regierung behaupten, es handele sich ausschließlich um die Sammlung von Informationen über den Verbleib von Geiseln der Hamas im Gazastreifen, zu denen auch britische Staatsbürger gehören. Nur solche Informationen würden an das israelische Militär weitergegeben, so der Stehsatz aus dem Verteidigungsministerium.

»Action on Armed Violence« bezweifelt das. Sie befürchtet, dass sich Großbritannien an israelischen Kriegsverbrechen mitschuldig gemacht hat. So soll die britische Luftwaffe 24 Aufklärungsflüge in den zwei Wochen vor dem israelischen Angriff auf das Flüchtlingslager in Nuseirat geflogen haben, infolgedessen 276 Palästinenser getötet wurden. Auch am Tag dieses Angriffs flogen britische Aufklärungsflugzeuge über dem Gazastreifen. Die Nachfragen von Parlamentsabgeordneten und Friedensaktivisten, ob britische Aufklärungsflugzeuge auch Zielkoordinaten für mögliche Angriffsziele an das israelische Militär weiterleiten, lässt die Regierung bis heute unbeantwortet. Beim Besuch des Premiers Keir Starmer (Labour) in Akrotiri im Dezember 2024 bemühte sich der britische Regierungschef, dass das auch so bleibt. Zu den Truppen sagte er: »Vieles von dem, was hier passiert, kann nicht unbedingt die ganze Zeit besprochen werden. Wir können der Welt nicht unbedingt sagen, was ihr tut.«

Hintergrund: Corbyn fordert Aufklärung

Welche Rolle spielen britische Aufklärungsflüge beim israelischen Krieg im Gazastreifen? Darüber verlangt der ehemalige und inzwischen aus der Partei ausgeschlossene Labour-­Vorsitzende Jeremy Corbyn in einem am 3. März veröffentlichten offenen Brief an seinen Nachfolger Keir Starmer Aufklärung. Es brauche dringend eine unabhängige Untersuchung zu dem Thema. »Nach dem Irak-Krieg gab es viele Versuche, eine Untersuchung über das Vorgehen britischer Truppen zu etablieren. Damalige Regierungen versuchten dies zu verhindern, konnten aber die Veröffentlichung eines unter der Führung von Sir John Chilcot erstellten Berichtes nicht verhindern. Dieser stellte damals schwere Fehlleistungen der britischen Regierung fest«, so Corbyn in seinem Brief. »Die Regierung hat damals die Warnungen von Millionen Menschen ignoriert, als sie die desaströse Entscheidung traf, in den Krieg zu ziehen.«

Heute wiederhole sich die Geschichte, so Corbyn. Die Zahl der Toten im Gazastreifen betrage inzwischen mindestens 61.000. Es gebe mehr als 110.000 Verletzte, und 92 Prozent aller Häuser seien zerstört oder beschädigt. »Großbritannien hat eine sehr einflussreiche Rolle in Israels militärischen Operationen gespielt.« Dazu gehöre der Verkauf von Waffen und die Nutzung von Basen der britischen Luftwaffe auf der Insel Zypern.

Ein wichtiges Thema ist für Corbyn der fortdauernde Verkauf von Bestandteilen für den Kampfjet F-35 durch Großbritannien an Israel. Hier seien von vielen Personen Bedenken geäußert worden. Diese habe die britische Regierung ebenso abgeschmettert wie Nachfragen bezüglich der Rolle britischer Militärbasen oder der rechtlichen Definition des Genozidbegriffs durch die Regierung. »Transparenz und Rechenschaftspflicht« seien jedoch »Eckpfeiler der Demokratie«. Deshalb werde Corbyn gemeinsam mit anderen daran arbeiten, eine öffentliche Untersuchung der Rolle Großbritanniens beim israelischen Angriff auf den Gazastreifen zu erwirken. (cb)

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