Eine Lösung gibt es nicht
Von Alexander Kasbohm
Manchmal können auch überschwengliche Rezensionen einen davon abhalten, großartige Künstler zu entdecken. Von »Schmerz«, »Katharsis«, von der »Weisheit unserer Vormütter« wurde geschrieben, wenn es um Penelope Trappes ging – da stand Schlimmstes zu befürchten. Ein narzisstisches Zurschaustellen, wie es Bernd Begemann (zu Recht oder zu Unrecht) einem dionysischen Kunstverständnis zugeschrieben hat: »Da siehst du ein Video, wie Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten sich buchstäblich im Schlamm wälzt und ruft: ›Seht mich in Schmerzen!‹ Mein erster Gedanke ist: ›Nein, das schau ich mir natürlich nicht an. Wasch dich, geh zum Arzt‹.« Nun habe ich persönlich nichts gegen das Dionysische. Auch soll man sich gerne im Schlamm wälzen, wenn es einem danach besser geht oder man sich einfach danach fühlt. Aber ich möchte nicht aufgefordert werden, dabei zuzusehen.
Penelope Trappes unterzieht sich, den Rezensionen zum Trotz, keiner musikgewordenen Urschreitherapie. Kein unbotmäßiges Geschrei, kein Aufmerksamkeitsheischen. Statt dessen Ambient-Klanglandschaften, Cello-Drones, über die sich eine vielleicht klagende, aber nicht ostentativ leidende Stimme legt. Hinzu kommen weitere Stimmen (oder dieselbe Stimme, vervielfacht), man fühlt sich wie in einer nachtdunklen gotischen Kathedrale, es knirscht im Gebälk, auf dem Altar sitzt – nur für die Atmosphäre – ein Rabe.
Das Schwarz ist dick aufgetragen, aber mit beachtlicher Meisterschaft. Die Beschäftigung mit dem Schmerz ist introspektiv. Die in Brighton lebende australische Künstlerin geht dahin, wo ihr Schmerz liegt, damit sie einen Weg findet, ihn zu überwinden, nicht damit wir sie »in Schmerzen sehen«. Das ist der entscheidende Unterschied: Sie lässt uns teilhaben, packt uns aber nicht am Kragen, schreit uns nicht an, doch bitte zu sehen, wie dramatisch sie leidet.
»A Requiem« ist ihr sechstes Album, und im Vergleich zu den früheren hört man, wie Trappes sich immer mehr dem annähert, was sie zu suchen scheint. Nun ist die Suche oft viel interessanter als das Finden – Segen und Fluch der wachsenden Könnerschaft in einem Metier –, aber das Entscheidende ist, dass man das Suchen hören kann. Trappes spielt hier selbst das Cello, ein Instrument, das sie vorher nie gespielt hat. Sie mochte die Klangfarbe und wollte sie benutzen. Darum geht es. Sich Neues anzueignen und dabei vielleicht etwas über den Gegenstand, die Welt oder sich selbst erfahren.
Trappes’ Werk bewegt sich – generell und auch innerhalb des Albums – zwischen experimenteller Musik und Dreampop, zwischen Geräuschen, deren Herkunft man bestenfalls erahnen kann (aber nicht muss) und schwarz angemalten Cocteau Twins. Inzwischen klingt sie manchmal auch nach einer düsteren Schwester von Enya, wenn sich jemand an dieses seltsame, mütterkompatible Chartsphänomen der späten 1980er erinnern kann. Allerdings hat Enya in den letzten Jahren auch von durchaus geschmackssicheren Menschen unerwarteten Respekt bekommen, mir persönlich sind bei Trappes die weniger polierten Momente näher. Die, in denen die Oberfläche poröser bleibt und so Austausch (von Gedanken, Emotionen etc.) ermöglicht. Aber, um beim Kathedralenbild zu bleiben: Trappes sieht Himmel und Hölle, Schmerz und Erlösung, die Schönheit des Alptraums. Diese Sehnsucht der Australier nach der Schwere des Katholizismus (siehe auch Nick Cave) ist vielleicht mal eine grundsätzliche Untersuchung wert.
»A Requiem« handelt vom allgemeinsten wie individuellsten Thema: Tod und Verlust, um das Leben mit eigenen und ererbten Traumata. Trappes versucht, mit Verlusten, vergangenen wie künftigen, klarzukommen. Auch das ist eine Aufgabe des Suchens und Versuchens, nicht des Findens. Eine Lösung gibt es nicht.
Penelope Trappes: »A Requiem« (One Little Independent)
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