Links & bündig: Jetzt bestellen!
Gegründet 1947 Freitag, 28. Februar 2025, Nr. 50
Die junge Welt wird von 3005 GenossInnen herausgegeben
Links & bündig: Jetzt bestellen! Links & bündig: Jetzt bestellen!
Links & bündig: Jetzt bestellen!
Aus: Ausgabe vom 06.02.2025, Seite 2 / Inland
Rüstungsindustrie

Vom Waggon zur Waffe

Görlitz: Am Mittwoch eröffnete Politprominenz eine neue Rüstungsschmiede
Von Steve Hollasky
2 aufmacher.jpg
Der Waggonbau wird zu Grabe getragen. Die dort Anwesenden können die Rüstungsproduktion kaum erwarten (5.2.2025)

In Görlitz sollen jetzt Panzer statt Waggons gebaut werden. Im vergangenen Herbst hatte der französische Alstom-Konzern angekündigt, das dortige Waggonbauwerk, das auf eine 175jährige Geschichte zurückblicken kann, zu schließen. Danach wurde kräftig verhandelt, mit dem Ergebnis, dass die Waffenschmiede KNDS den Betrieb übernimmt. Produktionsstart für Rüstungsgüter ist noch in diesem Jahr geplant. KNDS will nach eigenen Angaben einen zweistelligen Millionenbetrag investieren. Für Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Bundeskanzler Olaf Scholz Grund genug, schließlich ist Zeitenwende, den Deal am Mittwoch im Görlitzer Werk zu präsentieren.

Das Abkommen ist im Ort umstritten. Für die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen ist die Zukunft am Standort vorerst gesichert. Andere werden mit Abfindungen abgespeist oder sollen zukünftig für Alstom in Bautzen tätig sein. KNDS ist ein deutsch-französisches Rüstungskonglomerat, entstanden aus dem Zusammenschluss des deutschen Panzerbauers Krauss-Maffei Wegmann und des französischen Konzerns NEXTER. Inzwischen beschäftigt KNDS 6.000 Menschen in Deutschland. In Görlitz sollen zukünftig Teile für den Radpanzer »Boxer« produziert werden. Die Kolleginnen und Kollegen von Alstom lockt die auf mehrere Jahre garantierte Sicherheit ihrer Arbeitsplätze in das Beschäftigungsverhältnis bei KNDS. Uwe Garbe, Bevollmächtigter der IG Metall, erklärte am Mittwoch gegenüber jW, er sehe in der Übernahme durch KDNS »eine gute Lösung«.

Anders sahen das etwa 100 Demonstranten, die sich am Mittwochvormittag vor dem Werkstor versammelten. Drei Gruppen aus unterschiedlichen politischen Lagern fanden sich ein: Neben dem Bündnis Sahra Wagenknecht protestierte auch der Görlitzer Stadtverband der Partei Die Linke. Vertreter der extremen Rechten versuchten ihrerseits den Unmut über die Niederlassung der Panzerbauer zu instrumentalisieren. Mirko Schultze, Kreisvorsitzender von Die Linke, kritisierte im Gespräch mit jW die Ansiedlung von KDNS. Während die nötigen Investitionen über Jahre ausblieben, seien die Beschäftigtenzahlen immer weiter gesunken. Da nun ein »Rüstungsunternehmer als Heilsbringer« komme, müssten die Beschäftigten, wollten sie ihre Jobs behalten, nun auf weitere Aufrüstungsmaßnahmen oder gar auf Kriege hoffen, sagte Schultze.

Für Angelika Teweleit von der »Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften« zeigt die Umstellung von »sinnvollen Gütern auf Rüstung« beispielhaft, was Kapitalismus bedeute. In den Gewerkschaften müsse daher für ein Programm gekämpft werden, das die Übernahme solcher Werke in die öffentliche Hand unter demokratischer Kontrolle durch Beschäftigte und Gesellschaft umsetze, so ihre Forderung. Zudem kritisierte sie die IG-Metall-Führung. Die hatte 2023 einen Zukunftssicherungsvertrag mit Alstom abgeschlossen und für Arbeitsplatzsicherheit auf Urlaubsgeld verzichtet. Das Beispiel zeige aber, »Verzicht sichert keine Arbeitsplätze«.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in André M. aus Berlin (6. Februar 2025 um 10:25 Uhr)
    Mich schüttelt es bei dem Gedanken daran, dass aus einem der traditionsreichsten Schienenfahrzeugbauer Europas ein Rüstungsbetrieb werden soll. Daran ist einfach alles falsch. Das Foto ist bezeichnend: Eisenbahn als Historie, Panzer als Zukunft. Die Schlipsträger, die da rumlümmeln, wissen entweder genau was sie tun oder so gar nicht. Beides schlimm … Was waren das für Zeiten, als in Görlitz (im benachbarten Bautzen ebenso) z. B. Schnelltriebwagen für die DR hergestellt wurden und Reisezugwagen für halb Europa (überwiegend das sozialistische) in wirtschaftlichen Stückzahlen mit gut ausgebildeten Facharbeitern und Ingenieuren in Form von friedensdienlicher, sinnvoller und überaus nützlicher Arbeit für viele. Und Kretschmar findet das gut … einfach ekelhaft und zum Fremdschämen. Das hat definitiv keine Zukunft!
    Für die Werften in Wismar und Warnemünde gilt dasselbe! Und die NATO-Strukturen in Rostock und Laage oder Potsdam. Hier wird für Kriege der Zukunft geplant. Das hat mit sinnvoller Verteidigung nichts zu tun. Das Gebiet der ehemaligen DDR als Drehscheibe der NATO gegen Russland und China. Das fängt an, mir den Schlaf zu rauben. Meine Hoffnung ist, dass die nicht nur hierzulande grassierende Unprofessionalität ein effizientes Wachstum und die reale Einsatzfähigkeit der BRD-Kriegsmaschinerie behindert bis unmöglich macht. Bis vielleicht wieder Vernunft einkehrt.

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland