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Aus: Ausgabe vom 03.03.2025, Seite 5 / Inland
Hafenwirtschaft

Jade-Weser-Port droht Insolvenz

Tiefwasserhafen kann Kredit nicht zurückzahlen. Bremen könnte trotz knapper Kasse erneut aushelfen müssen
Von Burkhard Ilschner
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Damit das Wasser am Tiefwasserhafen tief bleibt, muss immer wieder gebuddelt werden. Auch das verschlingt Millionen

Deutschlands Tiefwasserhafen, der Wilhelmshavener Jade-Weser-Port (JWP), sorgt wieder einmal für Schlagzeilen. Von drohender Insolvenz wegen fehlender 125 Millionen Euro ist in lokalen Medien die Rede, das Hafenmanagement beschwichtigt, die fragliche Finanzierungslücke sei seit langem bekannt. Zwar konnte der Terminal soeben für 2024 den höchsten Umschlag seiner Geschichte melden – allerdings bleibt er selbst mit diesen 843.452 TEU (Twenty-Foot Equivalent Unit, Maßeinheit für 20-Fuß-Standardcontainer) immer noch enorm unausgelastet: Bei Planung und Bau des Hafens mit einer Umschlagskapazität von jährlich 2,7 Millionen TEU war ihm in fünf bis sechs Jahren ab Inbetriebnahme (2012) Vollauslastung vorhergesagt worden.

Der Hafen an der Jade hat zwei Eigner: die Bundesländer Niedersachsen (50,1 Prozent) und Bremen (49,9 Prozent). Und er hat zwei Trägergesellschaften: Die JWP-Marketinggesellschaft vermarktet und verwaltet das angeschlossene Güterverkehrszentrum mit Logistikflächen und -hallen; das Geschäft läuft zufriedenstellend. Die JWP-Realisierungsgesellschaft indes, zuständig für die Hafeninfrastruktur, schleppt sich von einer Finanznot zur nächsten: Nicht nur die mangelnde Auslastung drückt auf die Kosten, sondern vor allem die ständige Ausbaggerung der Fahrrinne, damit der Terminal ein Tiefwasserhafen bleibt – allein dies verschlingt jährlich zwischen acht und elf Millionen Euro. Wiederholt mussten die Länder deshalb schon draufzahlen.

Die Realisierungsgesellschaft hat 2026 einen Kredit über besagte 125 Millionen Euro zurückzuzahlen – und kann das aus genannten Gründen nicht. Also sind die beiden Eignerländer in der Pflicht, denn sie haben für diesen Kredit gebürgt. Niedersachsen, so zitiert die Oldenburger Nordwest-Zeitung Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD), »stand und steht zu Wilhelmshaven und zu seinen Verpflichtungen und hat dies abgesichert«.

In Bremen hingegen sorgt die Aussicht, weitere 62,5 Millionen Euro beim JWP zuschießen zu müssen, für Unruhe: Stagnierende Steuereinnahmen einerseits, hohe Anforderungen andererseits lassen das SPD-Grünen-Linke-Bündnis vor aktuellen Haushaltsberatungen ins Schwitzen geraten. Nicht nur Bildung, Soziales oder Verkehrsinfrastruktur müssen dringend finanziert werden, auch Bremerhavens Containerkaje wartet auf Auffrischung und der geplante »Energy Port« auf Realisierung.

Dabei geht es der bremischen Hafenwirtschaft selbst derzeit verhältnismäßig gut: Während Konkurrent Hamburg gerade ein Umschlagsminus von 2,1 Prozent für 2024 bilanzierte, können die Häfen in Bremen und Bremerhaven mit einem Plus von 5,9 Prozent protzen. Hamburgs Containerumschlag legte um 0,9 Prozent zu, der bremische um 6,3 Prozent. Zwar schwächelte jüngst der Fahrzeugumschlag an der Wesermündung etwas; Bremerhaven als einer der größten Autoterminals der Welt musste mit 1,52 Millionen Fahrzeugen ein Minus von 15,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr hinnehmen. Aber das soll sich in Bälde ändern.

Der mehrheitlich staatseigene Hafenbetreiber BLG Logistics verkündete gerade den Abschluss einer »strategischen Partnerschaft« mit Chinas staatlichem Unternehmen Cosco Shipping Car Carriers: Bremerhaven soll demnach nicht nur Coscos primärer Eingangshafen für den deutschen und europäischen Fahrzeugmarkt, sondern auch Verteiler (»Drehkreuz«) für Skandinavien, das Baltikum und Osteuropa werden. Die BLG spricht von einem »Netzwerkvorteil« für Cosco durch Nutzung des Verbunds von Seehafen- und Inlandterminals, technischen Dienstleistungen sowie Transport auf Straße und Schiene. Geplant ist ein Liniendienst mit mindestens zwei Cosco-Anläufen in Bremerhaven pro Monat. Allerdings baut Cosco gerade seine Autotransporterflotte stark aus, allein zwischen 2024 und 2026 werden 20 Schiffe in Dienst gestellt.

Kleine Skurrilität am Rande: Auch in Wilhelmshaven blüht der Autoumschlag – so stark, dass selbst eine Kajenverlängerung diskutiert wird. Aber weil das, warum auch immer, nicht zur Zuständigkeit der Realisierungsgesellschaft gehört, hat das keinen Einfluss auf den beschriebenen Finanzierungsstreit.

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