»Wider besseres Wissen stur ignoriert«
Interview: Ina Sembdner
Am Mittwoch sind bei einer Großrazzia Objekte mit Bezug zu den Ausschreitungen gegen eritreische Veranstaltungen der vergangenen Jahre durchsucht worden. Die 17 »namentlich bekannten Beschuldigten« werden vom Generalbundesanwalt der Gründung und/oder Mitgliedschaft in einer inländischen terroristischen Vereinigung verdächtigt, konkret der »Brigade N’Hamedu«. Ist das ein gutes Signal für die hierzulande lebenden Eritreer?
Nur sehr bedingt. Dass fast drei Jahre nach den brutalen Überfällen auf eritreische Kulturveranstaltungen endlich koordinierte Maßnahmen durchgeführt werden, die der Dimension dieser Angriffe entsprechen, ist sicherlich eine gewisse Genugtuung für die teilweise heute noch traumatisierten Opfer. Die Frage bleibt: Warum erst jetzt? Spätestens seit 2023 waren die Täter der »Brigade N’Hamedu« den Behörden bekannt. Entscheidend ist letztlich: Geht es um die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols, darum, Handlungsfähigkeit gegenüber straffälligen Migranten zu demonstrieren? Oder darum, für alle sichtbar zu zeigen, dass die eritreischen Communitys ebenso schützenswert sind wie alle anderen hier lebenden Menschen? Solange der Konflikt medial als »innereritreischer« und die Täter als Opfer dargestellt werden, ist die zweite Alternative leider unwahrscheinlich.
Während der Generalbundesanwalt eine nationalstaatliche Bezeichnung der verdächtigen Mitglieder vermied, titelte dpa »Razzia gegen Eritreer-Gruppe« und entspann im weiteren Verlauf der Meldung das gängige Narrativ, dass die Mitglieder der Brigade vermeintlich zur eritreischen Opposition gehörten. Wie erklären Sie sich dieses sture Aufrechterhalten?
Die Frage trifft den Kern des Problems: Es gibt keinen seriösen Horn-von-Afrika-Experten oder mit Äthiopien und Eritrea befassten Journalisten, dem nicht bekannt wäre, dass die Brigade ausschließlich aus Äthiopiern besteht, zumeist jungen Männern aus der nordäthiopischen Provinz Tigray. Das wird aber vom medialen Mainstream wider besseres Wissen stur ignoriert, weil es nicht ins Bild passt. Das Bild von der Diktatur über ein entmündigtes Volk ist die Strafe für jahrzehntelange »Unbotmäßigkeit« gegenüber dem Westen, für Verweigerung gegenüber dem Weltmarkt und Beharren auf Eigenständigkeit. Es ist eine bittere Ironie, dass dieselbe TFLP (»Volksbefreiungsfront von Tigray«, jW), die als westlicher Statthalter in Äthiopien 27 lange Jahre mit Milliarden gestützt wurde, nun – da sie mehrfach gescheitert ist – ihre jungen Leute nach Europa schickt, um hier als Terrorbrigade eine zweite Front aufzumachen.
Inwieweit wird die Lage hier von den Entwicklungen am Horn von Afrika beeinflusst?
Massiv, in zweierlei Hinsicht. Zum einen ist die Situation am Horn von Afrika, aufgrund seiner geographischen Bedeutung schon immer ein Pulverfass, so gefährlich wie lange nicht. Umgeben von Äthiopien, das durch Kämpfe zwischen den Ethnien und Finanzprobleme zu zerbrechen droht, dem Sudan, wo ein mörderischer, von außen befeuerter Bürgerkrieg tobt, und Ländern mit fragilen Machtstrukturen wie Kenia oder Somalia, ist Eritrea ein Garant für Stabilität, Frieden und allseitige gesellschaftliche Entwicklung. Daran kommen die »Leader«-Staaten des Westens, zu denen sich Deutschland zählt, nicht vorbei. Das jüngste Treffen des eritreischen Außenministers Osman Saleh mit Christoph Retzlaff, dem Afrikabeauftragten des Auswärtigen Amtes, zeigt, dass zumindest die Zeit des »Wir sprechen nicht mehr miteinander« vorbei ist. Zum anderen ist nach dem Pretoria-Abkommen zur Beilegung des Tigray-Konflikts die TPLF in mehrere Fraktionen zerbrochen und hat ihre Basis im Volk endgültig verspielt, was auch Auswirkungen auf die von ihr im Ausland gesteuerten Gruppen wie die Brigade hat.
Können also künftig die traditionell in der Diaspora veranstalteten Eritrea-Festivals wieder friedlich stattfinden?
Die Zeit dieser Brigade ist abgelaufen, aber der friedliche Ablauf der Eritrea-Festivals, so wie es über Jahrzehnte war, hängt kurzfristig wohl eher davon ab, ob diese Kulturveranstaltungen weiterhin von einem maßgeblichen Teil der Medien folgenlos als »Diktatorunterstützungsfeiern« dämonisiert und verleumdet werden können. Gibt es hier keine Kursänderung, werden bestimmte Kräfte dies als »Carte blanche« verstehen und entsprechend agieren.
Dirk Vogelsang ist Erster Vorsitzender der Deutsch-Eritreischen Gesellschaft
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