Ärzte bangen um ihre Rente
Von Carmela Negrete
Das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB) soll unvorteilhafte Investitionen getätigt haben. Die dort versicherten Zahnärzte müssen nun »um ihre Renten bangen«. Dies berichtete die Wirtschaftswoche (Wiwo) in einer langen Reportage am 21. März unter dem Titel »Machtkampf nach fragwürdigen Investments der Berliner Zahnärzte«. Das VZB kündigt auf seiner Website eine Vertreterversammlung für den 5. April an, auf der die Mitglieder des Verwaltungsausschusses neu gewählt werden sollen. Eine schriftliche jW-Anfrage blieb von seiten des VZB unbeantwortet. Am Telefon wollte man dazu ebenfalls keine Auskunft geben.
Die Reportage der Wiwo liest sich für die Anleger indes wie eine Horrorstory, und unabhängig davon, ob sie richtig oder falsch ist, zeigt sie beispielhaft die Risiken, die entstehen, wenn Rentengelder in Aktien und andere Fonds investiert werden. Rund eine Million Deutsche sind bei einem der rund 90 Versorgungswerke rentenversichert, die rund 300 Milliarden Euro verwalten. In manchen Berufen ist die Mitgliedschaft sogar verpflichtend, um in die entsprechende Kammer aufgenommen zu werden, etwa für Ärzte, Anwälte, Steuerberater und Architekten.
Das Berliner Versorgungswerk hatte offensichtlich eine ganze Reihe von Ratschlägen zur größtmöglichen Risikovermeidung vernachlässigt. Es hat große Summen in wenige und dazu noch windige Startups, Firmen und Projekte investiert, von denen teils wenige Einzelpersonen profitiert haben sollen. So soll mehr als eine Milliarde Euro bei wenigen Gruppen angelegt worden sein – darunter ein Recyclingstartup, das auch nach fünf Jahren noch nicht ohne die Finanzspritzen in Millionenhöhe des VZB auskommt. Oder der Investmententwickler »12.18.«, dem das VZB einen Privatflieger mitfinanziert haben soll. Nach und nach soll das VZB zudem alle Anteile am defizitären Schlosshotel Fleesensee in Mecklenburg-Vorpommern gekauft haben. Klassische Anlageformen wie Wertpapierfonds hält das VZB kaum. Dafür summierten sich allein die Kapitalanlagen und Beteiligungen bei Unternehmen von der Art der genannten mit etwa 50 Prozent der Gesamtanlagen 2023 auf einen ungewöhnlich hohen Anteil, heißt es in der Wiwo. Alles in allem hätten sich damit die stillen Reserven des Versorgungswerks zwischen 2021 und 2023 halbiert.
Das Zocken mit der Rente ist auch bei den aktuellen Regierungsparteien hoch im Kurs. Die Aktienrente wollte schon die vergangene Regierung auf Bitten der liberalen FDP einführen. Im September gab es eine erste Lesung und eine Debatte zu diesem Gesetzesvorschlag im Bundestag. Der Gesetzentwurf »zur Stabilisierung des Rentenniveaus und zum Aufbau eines Generationenkapitals für die gesetzliche Rentenversicherung« wurde auch von den Sozialdemokraten begrüßt. Johannes Vogel von der FDP schwärmte: »Endlich beginnen wir, die Chancen von Aktien für die Rentenversicherung zu nutzen.«
Die Union sprach im Wahlkampf von einem »Frühstart Rente« für die private Altersvorsorge, was dem Fonds ähnelt, den die AfD einrichten will: für jedes Kind ein Depot, in dem Geld für die spätere Rente angelegt wird. Die Grünen sprechen von »Bürger*innenfonds«, die man in »grüne Anlagen« investieren wolle. Ob das nun grüne Zertifizierungen beispielsweise für die Bundeswehr sein sollen, spezifizierte die Partei allerdings nicht. In diesem Sektor zumindest scheint das Wachstum sicher.
Die Ampelregierung wollte zehn Milliarden Euro jährlich aus Haushaltsmitteln, die eigentlich für die Deutsche Rentenversicherung vorgesehen waren, auf dem Kapitalmarkt anlegen. Eine solche Investition wäre nicht nur mit der Möglichkeit von Missmanagement und den gewöhnlichen Risiken der Börse verbunden: Darüber hinaus wären auch Investitionen in umweltschädliche Unternehmen oder Firmen, die die Menschenrechte verletzten, programmiert, warnte die Umweltorganisation Greenpeace im Oktober. In einer entsprechenden Studie hatte die Umweltorganisation den Staatsfonds Kenfo unter die Lupe genommen – eine öffentlich-rechtliche Stiftung zur Sicherung der Finanzierung der Zwischen- und Endlagerung radioaktiver Abfälle.
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