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Aus: Ausgabe vom 02.04.2025, Seite 7 / Ausland
Krieg gegen Gaza

Mutmaßlich hingerichtet

Getötete Rettungskräfte im südlichen Gazastreifen geborgen
Von David Siegmund-Schultze
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So deutlich wie ihre Leichentücher waren auch sie erkennbar: Begräbnis der getöteten Sanitäter am Montag in Khan Junis

Alles deutet auf Exekutionen hin: Am Sonntag wurden im Gazastreifen 15 im Sand verscharrte Leichen bei Rafah nahe der Grenze zu Ägypten geborgen. Unter den Getöteten waren demnach acht Sanitäter des Rettungsdienstes Palästinensischer Roter Halbmond (PRCS), sechs zivile Rettungskräfte und ein UN-Mitarbeiter. »Einer nach dem anderen wurden sie erschossen. Ihre Leichen wurden eingesammelt und in diesem Massengrab begraben«, sagte Jonathan Whittall, Leiter des UN-Büros für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) in Palästina, am Montag in einer Videomitteilung.

Doch was war geschehen? Am 23. März, wenige Tage nach dem Beginn erneuter heftiger Luftangriffe auf Gaza, kamen Rettungskräfte unter Beschuss, als diese Verletzte eines Bombardements erreichen wollten. Anschließend berichtete ein Überlebender laut einer weiteren Stellungnahme von Whittall auf X, dass israelische Soldaten seine beiden Kollegen getötet hätten. Ein Konvoi sei losgefahren, um die Leichen zu bergen und ebenfalls unter Beschuss geraten – der Kontakt mit den Sanitätern sei abgebrochen. Der PRCS versuchte mit Hilfe von OCHA, den Ort zu erreichen, doch der Zugang wurde ihnen fünf Tage lang untersagt. Als Whittall dann, zusammen mit Rettungskräften, den Ort am vergangenen Freitag erreichen wollte, habe er Hunderte unter Beschuss fliehende Menschen gesehen. Einer Frau sei in den Hinterkopf geschossen worden. Erst am Sonnabend habe man es geschafft, die Stelle zu erreichen und eine »erschütternde Szenerie« aus zerstörten Rettungswagen und im Sand vergrabenen Leichen vorgefunden. Ein Sanitäter werde weiterhin vermisst.

Nach Angaben des PRCS seien die Fahrzeuge eindeutig gekennzeichnet und die Gegend als sicher eingestuft gewesen – eine Koordinierung mit der israelischen Armee sei nicht erforderlich gewesen. Dem widerspricht das Militär in einer Stellungnahme am Montag. Die Fahrzeuge hätten sich »ohne Scheinwerfer oder Notsignale verdächtig auf die Truppen zubewegt«, hieß es. Auf Nachfrage der britischen Tageszeitung Guardian habe die Armee jedoch keine Angaben dazu gemacht, weshalb die Leichen vergraben wurden. Baschar Murad, Leiter des Gesundheitsprogramms des PRCS, sagte gegenüber dem Guardian, dass einer der Getöteten zum Zeitpunkt des Angriffes im Telefonkontakt mit Kollegen der Rettungsstelle gestanden habe. Sie konnten mithören, wie er durch den Beschuss verletzt wurde, daraufhin hätten sie Stimmen israelischer Soldaten gehört, die davon sprachen, die Rettungskräfte zu versammeln und zu fesseln. Laut Murad wurde den Rettungskräften »in den Oberkörper geschossen«. Außerdem sei einer der Sanitäter mit gefesselten Händen geborgen worden.

Jagan Chapagain, Generalsekretär der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung (IFRC), sagte in einer Stellungnahme am Montag: »Ich bin untröstlich. Diese engagierten Sanitäter haben sich um Verwundete gekümmert. Sie trugen Embleme, die sie hätten schützen sollen.« Er fügte hinzu: »Anstelle eines weiteren Aufrufs an alle Parteien, humanitäre Helfer und Zivilisten zu schützen und zu respektieren, stelle ich eine Frage: ›Wann wird das aufhören?‹« Seit Beginn des Gazakriegs sind nach Angaben der UNO 1.060 Beschäftigte des Gesundheitswesens durch Angriffe Israels getötet worden.

Die Bilder der im Sand verscharrten, teils verwesten Leichen wecken Erinnerungen an die im April 2024 entdeckten Massengräber am Nasser- und Al-Schifa-Krankenhaus. Nachdem die Armee nach einer mehrwöchigen Belagerung der Krankenhäuser abgezogen war, hatte der PRCS Hunderte vergrabene Leichen geborgen. UN-Mitarbeiter, die die Gräber sichteten, hatten auch damals von gefesselten und Schusswunden aufweisenden Leichen berichtet.

Derweil setzte die israelische Armee am Dienstag die Vertreibung der Palästinenser aus Rafah fort. Über 140.000 Menschen seien laut UN-Angaben betroffen. Auch für den Norden Gazas wurden am Dienstag Aufforderungen bekannt gegeben, die Gebiete zu verlassen. Der Sprecher des Zivilschutzes in Gaza sagte am Dienstag, man befinde sich am Rande einer Hungersnot. Israels Militär blockiert seit mehr als vier Wochen jegliche Hilfs- und Lebensmittellieferungen – der längste Zeitraum seit Beginn des Krieges.

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