Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Ausgabe vom 02.04.2025, Seite 8 / Ausland
Österreichs Migrationspolitik

»Isolation und Perspektivlosigkeit zermürben«

Auf dem Bürglkopf: Asylsuchende sollen auf österreichischem Berg zur Ausreise bewegt werden. Ein Gespräch mit Lisa Polster
Interview: Annuschka Eckhardt
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Trügerisches Idyll: Geflüchtete sollen auf dem Bürglkopf zur »freiwilligen« Ausreise gedrängt werden

In 1.300 Metern Höhe befindet sich das sogenannte Rückkehrzentrum Bürglkopf auf dem gleichnamigen Berg in Tirol. Was ist bitte ein Rückkehrzen­trum?

Rückkehrberatungszentren sind staatliche Einrichtungen in Österreich, in denen Geflüchtete untergebracht werden, um sie zur Ausreise aus Österreich zu bewegen. In den letzten Jahren waren dort vor allem abgelehnte Asylsuchende untergebracht, die man nicht abschieben kann, meist weil das Herkunftsland dafür zu unsicher ist. Zu versuchen, sie dann mit Rückkehrberatung dazu zu bringen, »freiwillig« nach beispielsweise Somalia oder Afghanistan zurückzureisen, ist selbstverständlich perfide. Diese Form der Unterbringung wurde 2017 eingeführt, als der extrem rechte Herbert Kickl von der FPÖ Innenminister war. Aktuell wohnen auch Geflüchtete auf dem Bürglkopf, die neu in Österreich angekommen sind und gerade erst einen Asylantrag gestellt haben. Auch ihnen soll suggeriert werden, sie gehen besser wieder. Das Projekt reiht sich in die aktuelle europäische Abschottungspolitik ein.

Ziemlich abgelegen, dieser Berg. Wie ist die Infrastruktur da oben?

Das Lager wird durch die »Bundesagentur für Betreuungs- und Unterstützungsleistungen«, BBU, betreut, die unter der Verantwortung des österreichischen Innenministeriums agiert. Auf dem Bürglkopf gibt es Mehrbettzimmer und Verpflegung. Der Unterschied zu anderen Unterkünften ist die geographische Abschottung und die Wohnsitzauflage. Bewohner dürfen nicht wegziehen, und nachts müssen sie im Haus sein.

Es gibt ein Shuttleauto mit acht oder neun Plätzen, das Bewohner zu bestimmten Zeiten vom Berg ins Dorf und ein, zwei Stunden später wieder hoch fährt. In der kurzen Zeit können sie zum Arzt oder zum Supermarkt gehen. Das ist bei rund 100 Bewohnern aber ein Tropfen auf dem heißen Stein. Zu Fuß geht man zwei bis drei Stunden auf den Berg, im Winter ist er zugeschneit, und es ist unmöglich, zu Fuß zu gehen. Es gibt kaum Beschäftigung für die Bewohner. Die einzigen Arbeitsmöglichkeiten für sie sind Hilfsarbeiten im Dorf Fieberbrunn, für die sie mit 1,60 Euro pro Stunde »entlohnt« werden. Heute wohnen nur Männer auf dem Bürglkopf, bis 2020 haben auch Frauen und Kinder dort gelebt.

Sie haben mehrere Bewohner im Rahmen eines Dokumentarfilmprojekts über Jahre begleitet – wie sah es mit der Pressefreiheit aus? Hatten Sie eine Drehgenehmigung?

Wir haben keine Drehgenehmigung erhalten, die BBU lehnte unsere Anfrage mehrmals ab. Noch dazu durften wir als Filmteam das Grundstück, auf dem das Gebäude steht, gar nicht mehr betreten, auch nicht ohne Kamera. Das erschwerte es extrem, mit Bewohnern überhaupt erst in Kontakt zu kommen. Die Begründung der BBU war stets der »Schutz der Bewohner«, was absurd war, denn es gab mehrere Bewohner, die mit uns arbeiten und vor der Kamera sprechen wollten. Daher mussten wir auf das umliegende Waldgrundstück ausweichen, wo wir mit Bewohnern des Lagers drehen konnten.

Wie ging es den Menschen, die mehrere Jahre auf dem Bürglkopf verbrachten?

Alle Menschen, mit denen ich gesprochen habe, die mehr als ein halbes Jahr auf dem Bürglkopf wohnten, klagten über psychische Probleme wie Depressionen oder Schlafstörungen. Die Menschen werden sehr träge, das habe ich auch bei den Protagonisten des Films über die Jahre beobachten müssen. Die Isolation und die Perspektivlosigkeit wirken zermürbend. Ich habe Menschen kennengelernt, die über zwei Jahre dort oben wohnen mussten. Die Unsicherheit, wann sie von dort wieder wegkommen würden, beschrieben die meisten als den schlimmsten Zustand. Sie haben keine Routine und sind zum Nichtstun verurteilt. »Nur essen und schlafen, das ist zu viel, um zu sterben, aber zu wenig, um zu leben«, hat ein Bewohner mal gesagt. Das Lager muss geschlossen werden.

Ihr Film wurde bislang auf mehreren Festivals gezeigt. Wie geht es weiter?

Wir zeigen den Film in den kommenden Monaten weiterhin auf Filmfestivals, unter anderem diese Woche auf dem »Achtung Berlin«-Filmfestival. Wir planen zudem Soliveranstaltungen, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Wir hoffen auch auf einen Kinostart.

Lisa Polster ist Autorin und ­Regisseurin aus Österreich

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