Leserbrief zum Artikel Parteien: Kommunisten in Not
vom 25.08.2017:
Keine marxistische Kritik
Kommunisten waren seit ihrer Existenz mehr oder weniger in großen Nöten. Das beschreibt das »Kommunistische Manifest« einleitend bis heute treffendst. Was Marx und Engels mehr Sorgen machen könnte, ist, dass Kommunisten sich ohne Not in Not bringen. Welche Not hat unsere DKP, sich jetzt und heute wegen erwähnter theoretischer Differenzen zerreißen zu lassen? Ob das Verhältnis zur EU oder die Beteiligung an der Bundestagswahl oder auch der Streit um die Thesen auf dem 19. Parteitag der DKP und dessen Ausgang, nichts erklärt zumindest in marxistischem Verständnis die Verhaltensweise, die Reaktionen und die bewusst zerstörerischen Handlungen der Gegner des bestehenden Parteivorstandes. Wer sich marxistischer als marxistisch gibt, der muss das zuerst im Handeln und Umgang unter Beweis stellen. Wer das Marxistisch-Leninistische nur ablehnt, weil es Inbegriff der Verbrechen und Fehlentwicklungen des Realsozialismus gewesen sei, der dokumentiert damit alles andere als einen marxistischen Standpunkt. (...) Wer alles bisherige am Realsozialismus einschließlich der DKP von 1968 bis 1989 als Kind der DDR und SED unter Verbrechen abtun zu müssen meint, der will bestimmt nicht einmal eine marxistische Partei. (...) »Der Sozialismus hat ... nicht nur seine Unschuld verloren wie jede Idee, die praktisch wird – das war ja schon mit der Oktoberrevolution der Fall –, sondern er steht damit befleckt in einer Reihe mit dem Christentum (Inquisition und Heidenmord), dem Feudalkolonialismus (Spanien), dem modernen Imperialismus und dem Kapitalismus, die koloniale Massenvernichtung, Faschismus, Holocaust usw. hervorgebracht haben. Trotzdem sind sie nicht ihrer Verbrechen wegen von der geschichtlichen Bühne verschwunden, sondern sind ungerührt heute dabei, der Welt Moral zu lehren.« (H. Jung: Abschied von einer Realität, S.366) Schon 1990 waren wir mal weiter, haben die richtigen Fragen gestellt und Antworten gefunden. Was die Leser R. Petroff und D. Reindl schreiben (dass es Kritikern darum gehe, den Kapitalismus erträglich zu machen und politikfähig zu werden), scheint mir immer sichtbarer das Wesentliche zu sein. Moderne Updates für den M/L sind das nicht. Wer hat je den Kapitalismus/Imperialismus zutreffender beschrieben und begründet? Wer hat ihn wissenschaftlich widerlegt? Was beweist uns imperialistische Praxis?
Veröffentlicht in der jungen Welt am 30.08.2017.