Links & bündig: Jetzt bestellen!
Gegründet 1947 Donnerstag, 27. Februar 2025, Nr. 49
Die junge Welt wird von 3005 GenossInnen herausgegeben
Links & bündig: Jetzt bestellen! Links & bündig: Jetzt bestellen!
Links & bündig: Jetzt bestellen!
Aus: Ausgabe vom 27.02.2025, Seite 2 / Inland
Bildungspolitik

»Projekte für Frauen werden weggekürzt«

Berliner Senat für Bildung streicht Programm an Schulen gegen familiäre Gewalt. Ein Gespräch mit Nua Ursprung
Interview: Annuschka Eckhardt
20241205polentz064.jpg
Kundgebung gegen geplante Sparmaßnahmen in Berlin (5.12.2024)

Das Projekt BIG Prävention arbeitet seit 2006 mit Kindern, Eltern und Pädagogen an Berliner Schulen mit dem Fokus auf familiäre und partnerschaftliche Gewalt. Kinder sind von der Gewalt zwischen ihren Eltern immer mitbetroffen. Warum steht das Projekt jetzt vor dem Aus?

Das kommt für uns auch sehr überraschend. Wir haben vor wenigen Tagen die Mitteilung bekommen, dass die Senatsverwaltung unsere Zuwendungen innerhalb von fünf Wochen auslaufen lassen will. Dafür gab es vorher keinerlei Hinweise, sondern wird mit der allgemeinen Berliner Haushaltslage begründet. Dennoch muss betont werden, dass die Senatsverwaltung sich bewusst dazu entschieden hat, unser Projekt zu streichen, während wohl gleichzeitig neue Projekte in die Förderung aufgenommen werden.

Was bedeutet das für die Beschäftigten?

Das bedeutet für die Beschäftigten, dass sie wahrscheinlich in fünf Wochen erwerbslos sind. Nicht, weil sie einen schlechten Job gemacht hätten. Im Gegenteil: Das Projekt ist sehr erfolgreich. Wir haben eine Warteliste bis 2027, das Konzept wird europaweit angefragt. Trotzdem bleibt uns nichts anderes übrig, als sie zu kündigen, wenn wir keine Lösung finden, um das Projekt zu retten.

BIG Prävention arbeitet mit Grundschulen, um Kinder darin zu stärken, sich bei Gewalt Hilfe zu suchen. Können Sie das Projekt kurz beschreiben?

In den Workshops geht es darum, den Kindern beizubringen, dass ihnen bei Gewalt Hilfe zusteht. Es wird vermittelt, wer mögliche Ansprechpartner sind, wenn sie selbst Gewalt erleben oder merken, dass ihre Eltern Gewalt erleben. Dann wird darüber geredet, dass man sich bei der Lehrerin melden kann oder bei der Schulsozialarbeiterin oder beim Kindernotdienst. Ein wichtiger Teil des Workshops ist, dass die Klassen gemeinsam beim Kindernotdienst anrufen, um einmal zu üben, wie das ist, bei so einer Hotline anzurufen. Und in der Regel ist es ein großes Highlight für die Kinder. Total aufregend.

Teil des Konzeptes ist, dass nicht nur mit den Kindern gearbeitet wird, sondern auch mit Erwachsenen. Das Kollegium der Schule wird geschult, Anzeichen von Gewalt zu erkennen. Für die Eltern wird ein Elternabend angeboten, damit sie wissen, dass ihre Kinder demnächst über dieses Thema reden. Aber auch, um Eltern die Gelegenheit zu geben, sich an unser Team zu wenden; es kommt doch immer mal wieder vor, dass Eltern sich öffnen und Hinweise darauf geben, dass auch sie häusliche Gewalt erleben.

Im Ablehnungsbescheid heißt es, angesichts der »aktuellen Rahmenbedingungen« habe es »eine sorgfältige Prüfung von Effektivität und Wirksamkeit« der geförderten Projekte geben müssen. Wie geht diese Entscheidung mit dem kürzlich im Bundesrat verabschiedeten Gewalthilfegesetz zusammen?

Uns ist das absolut unverständlich. Es passt überhaupt nicht zum Signal, das der Bundesrat gerade gesendet hat. Anscheinend gibt es auf Bundesebene den politischen Willen, anzuerkennen, dass häusliche Gewalt ein Problem ist und es mehr finanzielle Ressourcen braucht, um Frauen und Kinder vor dieser Gewalt zu schützen. Bei der Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch scheint das noch nicht angekommen zu sein. Dazu muss man bedenken, dass BIG Prävention explizit als Maßnahme im Landesaktionsplan genannt wird, also der Berliner Umsetzung der Istanbul-Konvention.

Warum ist dem Berliner Senat der Kampf gegen Gewalt an Frauen und Kindern so wenig wert?

Zum einen leben wir immer noch in einer patriarchalen Gesellschaft. Das heißt, es gibt ganz viele Ecken, an denen Frauen immer als erstes weggekürzt werden. Und eine pa-triarchale Gesellschaft ist selbstverständlich auch eine Gesellschaft, die Gewalt gegen Frauen nicht nur toleriert, sondern auch ein Stück weit belohnt. Und zum anderen hält sich auch die antifeministische Erzählung, dass häusliche Gewalt eine Privatsache sei, ein individuelles Problem und kein strukturelles.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir sind im Gespräch mit allen bildungs- und gleichstellungspolitischen Sprecherinnen im Berliner Abgeordnetenhaus. Zusätzlich haben wir eine Protestkampagne gestartet. Man kann eine Protestmail an die Senatsverwaltung für Bildung schicken, die wir vorformuliert haben.

Nua Ursprung ist Sprecherin der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG)

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

Regio: