Diesmal nur halb so blöd
Von Felix Bartels
Wenn die Academy zum Gottesdienst ruft, darf man ruhigen Herzens ins Bett gehen. Von der Verleihung der Oscars gilt dasselbe wie vom Ballon d’Or. Ein Betrieb würdigt sich selbst, und das tut er natürlich so betriebsgerecht wie betriebsam. Die Idee, dass Gutes sich durchsetze, weil rund 10.000 Mitglieder indviduellen Spleen auswaschen, als Schnittmenge mithin von demokratischem Votum und fachlicher Zuständigkeit, diese Idee ginge selbst dann nicht auf, wenn die Mitglieder wirklich allesamt einfach ihrem Verstand und ihrem Herzen folgten. Sie bleiben Kinder ihrer Zeit, politisch-kulturelle Moden mit ästhetischen Maßgaben verwechselnd, sind zum Teil lange im Ruhestand und haben die Filme allzu oft – Umfragen bestätigen das – nicht einmal gesehen.
Hinzu tritt aber, dass der Oscar-Zirkus selbst ein Geschäft ist. Produktionsfirmen – berüchtigter Platzhirsch einst: Weinsteins Miramax – veranstalten im Vorfeld einen verdeckten Wahlkampf, zwischen öffentlichen Kampagnen und lobbyierenden Partys. Selten setzt Kunst sich gegen Betrieb durch, im günstigen Fall deckt es sich. Es sei ja nicht gesagt, dass ein forcierter Oscar-Kandidat nichts taugen kann. An der Oberfläche dieser indifferenten, weil rein ökonomischen Betriebsamkeit toben sodann die politischen und kulturellen Kämpfe. Der Oscar-Zyklus gleicht einem Wellenlauf: Woke, feministische oder antirassistische Querdenker (die tatsächlich die Mehrheit Hollywoods ausmachen) beschweren sich über die Unterpräsenz von Filmen mit weiblichen Regisseuren, schwarzer Hautfarbe usw. Die Academy nimmt sich im folgenden Jahr unbewusst-kollektiv die Kritik zu Herzen, worauf wiederum die Fraktion der Biedermänner das Wort erhebt und den Verlust ästhetischer Kriterien beklagt, die auch ihnen allerdings gleich sind. Dieser Zyklus der Teilwahrheiten schafft jene Aufregung, die die bis zur Verödung durchgetaktete Veranstaltung benötigt, um interessant zu bleiben. Die aufeinanderprallenden Ideologeme haben keine Bedeutung, sind nur mehr Mittel, geschäftliche Interessen durchzusetzen.
In diesem Jahr ging es halbwegs glimpflich aus. Als sich der Vorhang in der Nacht vom Montag im Dolby Theater zu Los Angeles hob, war aller Stuss ohnehin schon passiert, in Form der Nominierungen nämlich: 13 Mal »Emilia Pérez«, die brummdumme Fremdschamparade, inszenatorisch mies auf jeder Ebene, Schauspiel und Gesang jenseits von allem, das sich noch kommentieren ließe, eine Transgender-Exploitation zudem, die mit dem vorgeblichen Thema genau gar nichts zu schaffen hat. Dass dieser Film bloß zwei der 13 Auszeichnungen abzugreifen vermochte (abgeräumt hat der ziemlich okaye »Anora«), macht die beiden Siege nicht weniger peinlich: Zoe Saldaña gewann für unterirdisches Schauspiel, der Song »El Mal« überzeugte mit hektischer Harmoniearmut auf solidem Soundcloud-Niveau.
Dass »Emilia Pérez« in der Kategorie »Regie« nominiert war, Villeneuves »Dune: Part Two« hingegen nicht, ist die vielleicht hübscheste Pointe jener Gesamtfarce. Es ist gerade das wichtigste Register, das zur reinen Willkür einlädt: Best Picture (bester Film). Während die anderen Kategorien einen handwerklichen Bezug haben, bleibt diese die subjektiveste, hier soll man einfach nach vagem Gesamtgefühl stimmen. Gegen Gefühl lässt sich wenig sagen, es sei denn, man heißt Loriot: »Vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl was nicht.«
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