Anschaffen/Abschaffen
Von Helmut Höge
In den 60er und 70er Jahren gab es in der BRD eine »Literatur der Arbeitswelt«, nun eine, in der Autoren wehleidig über ihre Herkunft aus der Arbeiterklasse schreiben. Zuletzt las ich »Verdunstung in der Randzone« (2023) von Ilija Matusko. Dessen Eltern betrieben eine Gaststätte in Bayern und haben anscheinend viele Pommes frittiert. Gleich am Anfang schreibt er: »Dunstschwaden, die sich unter der Abzugshaube sammeln, bevor sie sich auflösen. Ein Geruch, der an meinen Haaren, Kleidern, meinen Möbeln und an den Wänden meines Zimmers haftet, beißend und schwer hat er sich schon vor Jahren in allen Winkeln meines Lebens festgesetzt.« Ein Freund sagt: »Du stinkst«.
Matusko zitiert aus einer Sendung des Deutschlandfunks: »Kochgerüche, die sich in den beengten Wohnverhältnissen festsetzen, gelten als typisch für Unterschichten.« Und dann aus Alain Corbins Buch »Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs« (1982; dt. 1984): »Der Gestank der Armen [ist] in erster Linie eine Folge der Imprägnation (…) Sie verströmen einen unverkennbaren Gestank, der ihre wahre Herkunft verrät.« Matusko isst nicht nur im weiteren Verlauf seiner Geschichte immer wieder gerne Pommes frites – »Pommes frites sind Sehnsuchtsobjekte« zitiert er aus Roland Barthes’ »Mythen des Alltags« (1957; dt. vollständig 2010). Sehnsuchtsobjekte des Patriotismus müsste man hinzufügen, »alimentäre Zeichen des französischen Wesens«.
Als Student in Berlin kann er sich mit einem Berlinpass Theaterbesuche leisten: »Aber ich musste alles erst erlernen: Wie man sich verhält, sich durch die Räume bewegt, an den Sitzenden vorbeigeht (mit zugewandtem Gesicht), die Pausen verbringt, an welchen Stellen man klatscht und an welchen nicht. Was ich schon konnte: drei Stunden einfach dasitzen, ohne einzuschlafen.«
In den Kunstmuseen entdeckt er sein »fehlendes Kunstverständnis«. Beim Weintrinken mit seinem Professor, dass man am Wein nippt und ihn nicht kippt. Zwar legt sich seine »Sorge, sich am falschen Ort zu befinden«, und er entwickelt Strategien, »um nicht aufzufallen«, aber der Freund einer Malerin, die mit ihm im »Künstlerhaus« wohnt, reizt ihn doch noch, dessen »ästhetisches Empfinden« zu provozieren: Ihn »mit meinem Unterschichtverhalten zu stören. Ich gehe zur Dönerbude, zu McDonald’s, schaue Reality-TV, erzähle vom Abend im Multiplex-Kino, laufe in Jogginghosen herum«.
Dennoch entwickelt er »immer schärfere Grenzziehungen ›nach unten‹ – gegenüber dem Fernsehen, billigen Hits, Schund, Mainstream, Fast Food etc. Pausenlos lief ich ins Theater, ins Museum, zu Konzerten, sogar in die Philharmonie – in einer Art Überkompensation.« Seine Freundin behauptet, »dass die meisten Kunstschaffenden zwar nicht von ihrer eigenen Arbeit leben könnten, aber aus sicheren, wohlhabenden Verhältnissen kämen«.
Ganz anders liegt der Fall bei Alexander Graf von Schönburg-Glauchau, der in einem seiner vielen Bücher darüber schreibt, »Wie man ohne Geld reich wird – Die Kunst des stilvollen Verarmens« (2005). Er kommt aus einer Familie, die 500 Jahre Erfahrung im sozialen Abstieg hat, behauptet sein Verlag. Bis 2009 war Schönburg Chefredakteur des Glamourmagazins Park Avenue, das dann mangels Glamour-Deutschen eingestellt wurde. Bis 2023 arbeitete er in der Redaktion der Bild. Zwischenzeitlich betrachtete er sich als »Neuarmen«, immerhin aber ist seine Schwester die politisch von chichi-links nach dumpf-rechts gedriftete Gloria von Thurn und Taxis mit einem Vermögen von 3 Milliarden Euro.
Sein Buch ist ein Knigge für den letzten Schrei im »ästhetischen Empfinden«. »Wir brauchen einen neuen Luxusbegriff«, meint er und der liege nicht in Anschaffungen, weswegen er uns kapitelweise diverse Abschaffungen nahelegt, denn nur diese können uns noch Distinktionsgewinne gegenüber dem Plebs verschaffen: weniger Arbeiten, »ohne Geld eine gute Figur machen«, eine karge Wohnungseinrichtung, nicht mehr »schön essen gehen«, kein Auto haben, keine Ferienreisen machen (»Urlaub macht dumm«), Secondhandklamotten tragen, Treppensteigen statt Fitnesscenter (»Wer sich hauptsächlich um seinen Körper kümmert, führt ein sehr beschränktes Leben«) usw. Was Schönburg sich jedoch nicht verkneifen kann, sind lauter liebevolle Porträts von Prominenten, Adligen und Superreichen, die er persönlich kennt.
Während Matusko von Freunden redet und viel von seinem Vater, jedoch nicht von seiner Mutter, weil sich zwischen ihr und ihm eine »Fremdheit« einstellte, die »auch eine zwischen den Klassen ist«. Er hat es also mit Studium, Schriftstellerei usw. ein Stück weit nach oben geschafft, während Schönburg oben bleibt, indem er uncool gewordenen Ballast abwirft.
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