Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Abwärts

Von Helmut Höge
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Der Dichter Bert Papenfuß starb mit 67 am 26. August 2023. Ich lernte ihn in den 80er Jahren in Westberlin kennen, wo er sich eine Zeitlang aufhielt und auch heiratete: eine Punksängerin aus Chicago, wenn ich mich richtig erinnere. Mit ihr hatte er eine Tochter: Leila. Damals bekamen etliche DDR-Punker eine Ausreisegenehmigung nach Westberlin. Sie vermuteten, dass die DDR-Regierung hoffte, sie würden dableiben. Dem war aber nicht so: Es waren keine Republikflüchtlinge, sondern Anarchisten.

Als sie nach der Wende im Prenzlauer Berg die Kneipe »Torpedokäfer« eröffneten, die dann auch meine Stammkneipe wurde, traf ich Papenfuß dort fast jeden Abend. Hinter der Theke arbeitete Lothar; ein Philosoph, der lange Gutachten und Einsprüche brauchte, um nicht vom Arbeitsamt zum Gärtner umgeschult zu werden. Ironischerweise traf ich dort einmal einen Musiker aus Heidelberg, der ebenso lange gebraucht hatte, um vom Arbeitsamt eine Umschulung zum Gärtner finanziert zu bekommen.

Eine der Kellnerinnen im »Torpedokäfer« war Djamila, die so bezaubernd war, dass alle möglichen Typen ihr Komplimente und Freundschaftsanträge machten – auf Bierdeckeln, Büttenpapier und ausgerissenen Kalenderseiten. Sie sammelte diese Geständnisse und stellte sie irgendwann im »Torpedokäfer« aus – eine ganze Wand voll. Der Name der Kneipe ging auf den ersten Titel der Autobiographie des Schriftstellers, Börsenjournalisten und Spions Franz Jung zurück, die später unter dem Titel »Der Weg nach unten« erschien, was in gewisser Weise auch auf die Perspektiven der »Torpedokäfer«-Stammgäste zutraf, die sich nach der Osterweiterung der BRD ihrer regelmäßigen Einkünfte beraubt sahen und zudem oft ihre Wohnungen im Prenzlauer Berg wegen Mieterhöhung oder Eigenbedarf verloren.

Bert Papenfuß war mit dem dissidentischen Verlag Basisdruck liiert und forschte nebenbei über Piraten. Ihm verdanke ich einige Ideen für meine Texte, die dort veröffentlicht wurden – übrigens nach dem alten linksradikalen Prinzip »Wer schreibt, der zahlt«. In diesem Verlag erschienen nacheinander auch die Zeitschriften Sklaven, Sklaven-Aufstand, Gegner und zuletzt Abwärts!, von der die 54. Ausgabe am 26. März ab 19.30 Uhr in der Prenzlauer-Berg-Anarchospelunke »Baiz« vorgestellt wird. Papenfuß war bei allen Redakteur und ich gelegentlich Autor.

Nach dem »Torpedokäfer« hatte er mit zwei Freunden das »Kaffee Burger« eröffnet, dessen Attraktion die »Russendisko« von Wladimir Kaminer war. Alle vier wurden damit reich – vorübergehend. Papenfuß stieg nach einer Weile aus diesem Touristenmagneten aus und bekam dafür ein paar Jahre lang eine Rente. Dann eröffnete er zusammen mit Mareile Fellien, die ihn inzwischen geheiratet hatte, die »Kulturspelunke Rumbalotte« im Prenzlauer Berg – als Ausweichquartier für die »Torpedokäfer«-Freunde.

Das Wort »Rumbalotte« geht auf einen Witz des Künstlers Thomas Kapielski zurück: Drei Matrosen vergleichen ihre reichlich tätowierten Schwänze, wobei sie über einen lachen, der nur »Rumbalotte« auf seinem Schwanz stehen hatte. Er brachte sie jedoch zum Staunen, als daraus im erigierten Zustand der Satz »Ruhm und Ehre der baltischen Rotbannerflotte« wurde.

Der Arbeitsamtscoach empfahl Mareile und Bert immer wieder, sie sollten sich zwecks Umsatzerhöhung für die Touristen fit machen – mit Mixgetränken und ähnlichem Gelumpe, aber sie wollten ja gerade keine Touristen in ihrem Laden haben. Irgendwann traten sie ihn an die Malerin Cindy ab, eine quasi professionelle Gastronomin, und Papenfuß/Fellien mieteten einen Raum in einer stillgelegten Pankower Brauerei an – als Rumbalotte II, für die sie einen Unterstützerverein gründeten. Die Rumbalotte I blieb jedoch, von Cindy umbenannt in »Watt«, Stammkneipe und Veranstaltungsraum der Szene um Papenfuß/Fellien. »Cindy und Bert« kennt man in der BRD nebenbei bemerkt als gruseliges Gesangsduo. Jetzt soll Cindys »Watt« gerade wegen einer Mieterhöhung weichen und Kai Pohl, einer der Papenfuß-Freunde, ruft zusammen mit anderen zur »Watt muss bleiben!«-Kampagne auf.

Als Papenfuß starb, war ich entsetzt, denn er war der wunderbarste Integrator der Szene gewesen und extrem freimütig: So stellte er z. B. den arbeitslosen Stasi-Offizier, der die IM für die Prenzlauer-Berg-Anarchos betreut hatte, als Türsteher im »Kaffee Burger« ein und veröffentlichte dessen Agitpropgedichte im Gegner.

Lebendrot: Abwärts!-Heft-54-Release, Kultur- und Schankwirtschaft »Baiz«, Berlin-Prenzlauer Berg, Schönhauser Allee 26 A, 26. März, 19.30 Uhr

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