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Theater

Sie hatte einen Traum

»Die Vegetarierin« nach dem Roman von Han Kang im Hamburger Thalia-Theater in der Gaußstraße

Foto: Katrin Ribbe/Thalia Theater
Kein Mensch mehr sein (Theaterszene)

»Was ist Liebe? Ein goldener Faden, der Herz mit Herz verbindet.« Ein schöner, poetischer Gedanke, kaum vorstellbar, dass er aus dem Tagebuch einer Achtjährigen stammt. Der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang – 45 Jahre später, 2024, mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

»Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar. Um ehrlich zu sein, fand ich sie bei unserer ersten Begegnung nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, gelbliche unreine Haut. Ihre farblose Kleidung zeugte von ihrer Scheu, etwas von sich preiszugeben.«

Verachtung statt eines goldenen Fadens. Patrick Bimazubute ist ein bisschen zu smart für diesen (Ehe-)Mann, der zugibt, dass er wegen drastischer Minderwertigkeitskomplexe »eine Frau wählte, die an Durchschnittlichkeit kaum zu überbieten war«. Etwas zu hübsch, einen Hauch zu komödiantisch für die Kälte der Worte, eher kindlich staunend, als abgestoßen von dieser Frau, die eines Morgens die Küche zu einem Entsorgungsschlachtfeld aus gefrorenen Schweinebäuchen, Rinderfilets, Aalen, Tinten- und Trockenfischen macht.

»Warum?« – »Ich hatte einen Traum.«

Doch für Yeong-Hye war es kein glückliches »I had a dream«: »Ein dunkler Wald. Kein Mensch weit und breit. Ich hatte Angst. Mir war kalt. … Hunderte von riesigen roten Fleischstücken hingen an langen Bambusstangen. Blut rann von den frischeren Stücken herunter. Ich lief an unendlichen Reihen von Fleischstücken entlang und fand keinen Ausgang. Ich hatte … dieses rohe Stück Fleisch vom Boden aufgehoben und gegessen. Mein Mund, die Zähne und mein Gaumen waren voll von Blut gewesen. Meine Augen spiegelten sich glitzernd in einer Blutlache am Boden.«

Die plötzlich aus ihrer dienenden Unscheinbarkeit erwachte Ehefrau, deren einziger Eigensinn bisher war, gelegentlich keinen BH tragen zu wollen, verweigert plötzlich Konsum und Zubereitung tierischer Nahrung, das Bügeln von Hemden und sogar den Sex.

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Auf der Bühne (Regie: Lilja Rupprecht; Bühne/Kostüm: Korbinian Schmidt) bleibt sie – nicht nur wegen des Gazevorhangs – unsichtbar, existiert nur als Text, alternierend von Bernd Grawert, Jannik Hinsch und Caroline Junghanns, später auch von Patrick Bimazubute verkörpert. In manchen Szenen ist das schwierig, beispielsweise wenn der eher bullige Bernd Grawert in einer Art Schlachterschürze so gar nicht an die zarte Seele Yeong-Hyes erinnert.

Das Ausbrechen aus der Komplizenschaft gesellschaftlich akzeptierten und als »normal« erachteten Massenmordes an Milliarden von Tieren führt nicht nur zu grenzenlosem Unverständnis für »die Vegetarierin« (tatsächlich müsste es Veganerin heißen), sondern zu wachsender Aggression. Bei einem Familienessen wird ihr Fleisch zwangsweise und äußerst brutal wie einem Stopfleberopfer eingetrichtert, sie wird zudem regelmäßig von ihrem Mann vergewaltigt.

In ihrem 2007 veröffentlichten Roman (Man Booker International Prize 2016) verwebt Han Kang poetisch Missachtung und Gewalt gegen Frauen (auch im Zusammenhang mit antifeministischen Strömungen in Südkorea) mit der Weigerung, selbst Täterin zu werden, und einer ausweglosen Verzweiflung.

In ihrer Nobelpreisrede fragt die Autorin: »Kann ein Mensch vollkommen unschuldig sein? Wie tief kann unser Widerstand gegen Gewalt gehen? Was geschieht mit einem Menschen, der sich so radikal von der Menschheit abwendet, dass er nicht länger Teil ihrer Spezies sein möchte?«

Yeong-Hye flüchtet sich in Traumwelten, ihr wachsen Pflanzen aus und auf dem Körper, alle Schauspieler werden zu mehr oder weniger grazilen Schlingpflanzen, dazu ein riesiges, sich immer wieder aufblähendes Gebilde aus dünnem Stoff, das als flimmernde Projektionsfläche dient – eine mystische, anstrengende Atmosphäre, die mit dem schwierigen Text aber auch verworren und erstaunlicherweise einschläfernd wirkt.

Den stärksten Auftritt hat am Ende Caroline Junghanns in einem langen Solo als In-Hye, die verzweifelt versucht, ihre Schwester Yeong-Hye, die nur noch Wasser zu sich nimmt, vor dem Tod zu bewahren. Auf das den Rettungsversuch illustrierende ungelenke Ärzteballett hätte man allerdings unbedingt verzichten können.

Noch einmal Han Kang zu »Die Vegetarierin«: »Das gesamte Werk verharrt in einer Pose des Widerstands und der Suche nach Antworten. Starrend, trotzig, auf Antworten wartend.«

Antworten wird also jede und jeder selbst finden müssen, aber das Stück hat nicht nur bei mir den unbedingten Wunsch geweckt, die Buchvorlage zu lesen. Mehr kann Theater kaum leisten.

→ Nächste Vorstellungen: 5.10., 10.10., 13.10.

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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