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Zehn Stufen nach oben
In einem Köpenicker Keller-Gym bereitet sich Maurice Milcke auf seinen nächsten Profikampf vor. Porträt eines Berliner Boxers zwischen Training, Alltag und dem Traum vom Durchbruch
Falsche Richtung, oder? Aufwärts, nicht abwärts. »Nee, erst mal geht’s in den Untergrund.« Zehn steile Stufen führen hinab zu einer schweren grauen Metalltür. Dahinter liegt der Keller eines wuchtigen Nachkriegsbaus in der Bahnhofstraße in Berlin‑Köpenick. Maurice Milcke schiebt die Kapuze seines schwarzen Hoodies in den Nacken, tippt den Code am Schlüsseltresor ein, zieht den Bartschlüssel heraus. Ein trockenes Klacken im Schließzylinder, dann dringt Schweißgeruch durch den ersten Spalt. »Hereinspaziert«, sagt Milcke, knipst die Deckenleuchten an und tritt ins Boxgym Coepenick.
Freitag morgen, kurz vor acht. Über den Straßen hängt diesiger Nieselregen. Während viele gerade erst auf dem Weg zur Arbeit sind, läuft für den Profiboxer der Werktag bereits an. Sneaker gegen Boxstiefel tauschen, die Hände bandagieren, das Springseil greifen und durch die Seile in den Flachring mit seinen blau-roten Bodenmatten steigen. Dann beginnt die erste Trainingseinheit mit Coach Zapir Rasulov.
Seilspringen, Schattenboxen, Pratzenarbeit, Sandsack. Das Programm ist dosiert. Die Knochenarbeit liegt hinter ihm. In wenigen Tagen bestreitet Milcke seinen 13. Profikampf. Am 14. November steigt er in Eberswalde gegen den Engländer Les Byfield in den Ring. Ein weiterer Aufbaukampf, diesmal im Supermittelgewicht bis 75,2 Kilogramm. Milcke zieht das schwarze T-Shirt hoch und nimmt eine schmale Hautfalte über der Hüfte zwischen Daumen und Zeigefinger. »Das muss noch runter.«
Kondition bolzen, Kraft aufbauen, Sparring über viele Runden. Die strapaziösen Vorbereitungswochen sind vorbei. Jetzt geht es um Timing, Präzision und die letzten Gramm Gewicht. Während Trainer Rasulov spricht, kreist Milcke durch das Seilquadrat. Fäuste schießen durch die Luft. »Isch, isch.« Bei jedem Jab, jeder Geraden, jedem Haken zischen die Laute zwischen seinen Zähnen. Zwölf Profikämpfe, zwölf Siege. Das soll auch gegen Byfield so bleiben.
Rasulev lehnt außen am Ringpfosten, das Kinn auf die verschränkten Unterarme gestützt. Unter dem Schirm seiner Baseballkappe verfolgt er jede Bewegung seines Athleten. Keine entgeht ihm. Die elektronische Rundenuhr schrillt durch das Gym. Pause. Dreißig Sekunden. Dann geht es weiter. Milcke streift die Handschuhe über, Rasulov die Pratzen. Schlagtechniken kombinieren, Abläufe automatisieren. Der Coach dirigiert. Viermal drei Minuten. Dann verlässt Milcke den Ring und wechselt an den Sandsack.
Die Ketten des Boxsacks klirren und schaben über den Stahlwinkel an der Betonstütze. »Bamm, bamm.« Der Sack schwingt weit aus. Als er zurückpendelt, trifft ihn bereits die nächste Salve des Punchers. »Ich habe hier auch schon Boxsäcke kaputtgemacht«, sagt Milcke und grinst.
Wer fast täglich miteinander arbeitet, gerät irgendwann aneinander. Milcke feixt. »Ich hör’ immer auf meinen Trainer.« Rasulov schmunzelt. »Ab und zu muss ich schon meckern.« Manchmal sei sein Schützling übermotiviert. »Dann muss ich ihn bremsen.« Kaum ausgesprochen, liefert das Training den Beleg. »Hey, baue Distanz auf, nicht überpacen, hörst du!« Milcke setzt einen Schritt zurück. Die nächste Kombination folgt kontrolliert.
Wenig später sitzt Milcke auf einer schlichten Holzbank hinter der Eingangstür am Rand des Mattenbodens. Das Springseil liegt längst beiseite, der Puls hat sich beruhigt. Er nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand.
Nicht alles in seiner noch jungen Laufbahn verlief geradlinig. Kaum ein Jahr im Profilager geriet er in die erste Krise. Saftlos, kraftlos im Sparring. »Niederlagen gegen Leute, die ich eigentlich hätte dominieren müssen«, sagt Milcke und schüttelt den Kopf. Er habe sogar ans Aufhören gedacht. Der 23jährige schweigt einen Moment. Dann sagt er: »Irgendwann hab ich mir gesagt: Ich geh’ all in.«
Einen entscheidenden Entwicklungsschritt machte der Ostberliner im August und September. Anderthalb Monate verbrachte er in Paraguay, im »Centro Artes Marciales«, einer spartanischen Trainingsanlage an einem Berghang. Hohe Luftfeuchtigkeit, Temperaturen um die 25 Grad Celsius. Noch vor Sonnenaufgang geht es hinaus in die feuchtwarme Morgenluft. Um sechs Uhr beginnen die Läufe. Nicht täglich, aber jeden dritten Tag, teilweise über 30 Kilometer. Danach Training. Sparring. Und am nächsten Morgen wieder von vorn. »Dort gilt nur ein Motto: No mercy.« Milcke lacht kurz. »Und sowieso alles 120 Prozent Aggro pur.«
Wochenlang habe sich alles um eine Sache gedreht: Besser werden, härter werden. »Das hat mich extrem weitergebracht.« Technisch. Taktisch. Physisch. Mental. Er sei heute stärker als jemals zuvor. »Das macht mir manchmal selbst etwas Angst.« Milcke sagt den Satz ohne Ironie. Einfach als Feststellung.
Boxen ist Beruf und Berufung zugleich. Für Milcke kommt etwas anderes nicht in Frage. Einen Plan B habe er nicht. Gelegentlich hilft er bei seinem Bruder aus, der eine Firma für Solaranlagen betreibt. Viel Raum nimmt das nicht ein.
Noch bewegt sich Maurice Milcke unter dem Radar der breiteren Öffentlichkeit. National gehört er inzwischen zu den Top ten in seiner Gewichtsklasse, international arbeitet er sich Schritt für Schritt an die Top 100 heran. Im Ring wolle er in Eberswalde richtig aufdrehen. »So wie immer.« Einen Weltmeistergürtel besitzt er bereits: den im Mittelgewicht des Global Boxing Council, ein vergleichsweise kleiner Verband.
Und da gibt es noch etwas: Verantwortung kennt Milcke nicht nur aus dem Ring. Seit zweieinhalb Jahren ist er Vater. Nach der Trennung von der Mutter sieht er seinen Sohn mehrmals pro Woche. Keine leichte Situation. Als das Gespräch auf den Jungen kommt, verändert sich seine Körpersprache. Milcke überlegt länger, bevor er antwortet.
Wenig später spricht er über seine Heimat. »Ich komme aus dem Osten, ich stehe zum Osten, hier kennen mich viele.« Zu seinen Kämpfen kommen längst nicht mehr nur Familie und Freunde. Mittlerweile auch Leute, die er vorher nicht kannte, »echte Fans«. Große Titel stehen zwar noch nicht in seiner Vita. Einen Namen hat er sich in seinem Umfeld dennoch gemacht.
Im kommenden Jahr soll ein Sprung nach vorn folgen. Für März und September sind weitere Kämpfe geplant. Keine Aufbaugegner mehr. Gegner mit ähnlichen Ambitionen. Titelaspiranten wie er. »Ich hab einfach Bock zu beweisen, was ich drauf habe«, sagt Milcke und blickt entschlossen.
Manchmal nimmt er das Training sogar mit nach Hause. Wenn er nachts wach wird, stellt er sich vor den Spiegel. Dann hagelt es Schlagserien. Kombination um Kombination. Hunderte Male eingeübt. Wie einst bei Mike Tyson.
Für diesen Morgen ist Schluss. Hinter ihm fällt die schwere Metalltür ins Schloss. Diesmal führen die zehn Stufen nach oben.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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