Israels jüngste Invasion
Von John McAulay
In der kleinen Stadt Madinat Al-Salam auf den syrischen Golanhöhen herrscht scheinbar Frieden. Als der Morgen in der Provinzhauptstadt Kuneitra anbricht, erwachen die Straßen zum Leben. Eine Gruppe von Männern versammelt sich vor einem Geschäft, nippt an süßem Tee aus Plastikbechern und plaudert eifrig, während Frauen in Hidschabs über den belebten Markt schlendern. Der Verkehr, meist ältere Autos und lärmende Motorräder, bewegt sich zügig, und das scharfe Hupen durchschneidet häufig das städtische Getümmel.
Doch es gibt auch Anzeichen für die jüngsten politischen Umwälzungen im Land. Eine grün-weiß-schwarze Flagge mit drei roten Sternen flattert jetzt in der ruhigen Brise, wo einst das Banner der Baath-Regierung wehte. In Tarnkleidung gekleidete Kämpfer, deren Gesichter zum Teil durch Sturmhauben verdeckt sind, lungern an Straßenecken herum, die schweren Gewehre lässig über die Schultern gehängt.
Die Hauptstraße, die aus Madinat Al-Salam nach Westen führt, ist blockiert. Entwurzelte Bäume und umgestürzte Laternenmasten liegen auf dem zerstörten Asphalt verstreut. In der Ferne, am Ende eines schlammigen Weges, taucht ein großer Militärpanzer auf, dessen Kanone bedrohlich in Richtung des Dorfes gerichtet ist. Die Szene ist kein Überbleibsel des lang anhaltenden Krieges in Syrien oder des jüngsten Sieges der dschihadistischen Miliz Haiat Tahrir Al-Scham. Vielmehr ist es ein Beweis für Israels Einmarsch.
Am 27. November hatte eine Koalition von Oppositionskräften eine Überraschungsoffensive gegen die Regimetruppen in Idlib und Aleppo gestartet, am 8. Dezember war Damaskus gefallen. Am selben Tag, an dem Baschar Al-Assad floh, überschritt Israel die Grenze und betrat zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert syrisches Territorium.
Besetzung ausgeweitet
Israel hat seit dem Sechstagekrieg 1967 einen Großteil der Golanhöhen von Syrien besetzt. Beide Länder unterzeichneten 1974 ein Waffenstillstandsabkommen, mit dem auf der syrischen Seite der Grenze ein entmilitarisiertes Gebiet eingerichtet wurde, das von den Friedenstruppen der Vereinten Nationen überwacht wird. Obwohl sich der Krieg seit 2012 auf die Pufferzone ausgeweitet hatte, war die Grenze unverändert geblieben.
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Dies hat sich nun geändert, da israelische Truppen in mehrere Dörfer und Städte innerhalb der Pufferzone und sogar darüber hinaus vorgedrungen sind. Die israelische Regierung behauptete, ihr Einmarsch sei durch das Machtvakuum nach dem Zusammenbruch von Assads Streitkräften veranlasst worden, während Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte, dass die Armee auf unbestimmte Zeit im Nachbarland bleiben werde. Das Vorgehen wurde jedoch von den Vereinten Nationen und den meisten Ländern der Region verurteilt, die Israel beschuldigten, das Abkommen von 1974 zu verletzen.
Für die Bewohner von Madinat Al-Salam hat die drohende Präsenz des neu errichteten militärischen Kontrollpunkts neben dem israelischen Panzer das Leben zu einem täglichen Überlebenskampf gemacht. »Jeder, der vorbeikommt, riskiert, erschossen zu werden«, sagt Mutasem, ein junger Bewohner. Die Dorfbewohner eilen an der Straßensperre vorbei und wagen es kaum, einen Blick auf die Straße zu werfen. Kinder haben die Militärpräsenz in ein gefährliches Spiel verwandelt. Sie wagen sich einige Meter die Straße hinunter, bevor sie beim Klang der Schüsse schnell den Rückzug antreten. Eine Nachbarin erzählt, wie eine verirrte Kugel kürzlich das Fenster ihres Hauses durchschlug.
Während es in Madinat Al-Salam bisher keine Opfer zu beklagen gibt, kam es in der umliegenden Region zu weitaus brutalerer Gewalt. Am 25. Dezember wurden in dem kleinen Ort Dawaja sechs Menschen verwundet, fünf Tage zuvor ein weiterer in Maarijah, als die israelischen Soldaten das Feuer auf Demonstrationen gegen die Invasion eröffneten. Bei Angriffen nördlich von Madinat Al-Salam kam mindestens ein Zivilist ums Leben, und in nahegelegenen Dörfern wurden Bewohner von den Besatzungstruppen zu Unrecht verhaftet.
Leben mit Panzern
Gewalt ist in Kuneitra kein Fremdwort. Jahrelang war die Stadt ein Schlachtfeld zwischen der syrischen Armee und den Oppositionskräften und wechselte während des Krieges häufig »den Besitzer«. Und während ein Großteil des Landes den Sturz der Assad-Regierung und die Aussicht auf Frieden feierte, machte sich die Region auf eine neue Welle der Instabilität gefasst.
»Der zionistische Feind ist unter dem Vorwand in das Gebiet eingedrungen, um Waffen zu beschlagnahmen, aber das ist eine Lüge«, sagt Abd Al-Rahman, ein anderer junger Nachbar. Das erklärte Ziel Israels ist es, die Grenzregion zu entmilitarisieren. Die Soldaten hätten Hunderte von Häusern durchsucht, Kontrollpunkte errichtet, die die Bewegungsfreiheit einschränken, und Gebäude und Grundstücke beschlagnahmt. »Wir haben auch gehört, dass sie den Leuten ihr Hab und Gut wegnehmen und es für sich behalten«, fügt er hinzu.
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Abd Al-Rahman steht auf dem Dach seines Hauses, den Blick in die Ferne gerichtet. Hinter ihm, kaum sichtbar, erhebt sich die weiße Silhouette des Berges Hermon aus dem morgendlichen Dunst. An der Grenze zum Libanon gelegen, ist er mit über 2.800 Metern der höchste Berg Syriens – bis ihn die israelischen Streitkräfte Anfang Dezember eroberten und etwa zwölf Kilometer in die Pufferzone vordrangen. Doch der junge Dorfbewohner blickt vom Berg weg und blinzelt gegen die grelle Sonne an. Mit einer Hand schirmt er seine Augen ab, mit der anderen deutet er auf ein entferntes Gewässer. »Meine Freunde und ich waren oft dort. Wir gingen angeln, aßen und genossen die schöne Landschaft«, erinnert er sich. Der Teich liegt innerhalb der entmilitarisierten Pufferzone, ist aber inzwischen eingekreist. »Wir können nicht mehr dorthin gehen, die Besatzungsarmee lässt uns nicht«, beklagt Abd Al-Rahman. Israel hat sich bei seinem Vormarsch zahlreicher lebenswichtiger Wasserquellen bemächtigt und soll inzwischen bis zu 40 Prozent der syrischen Wasserversorgung kontrollieren.
Tarek, ein Mann in den Sechzigern, der sein ganzes Leben in Kuneitra verbracht hat, sagt, die israelischen Streitkräfte hätten »einen Großteil der Region« verwüstet. »Schauen Sie sich nur die Schäden an. Sie haben uns alles genommen«, sagt er, und seine Stimme ist voller Wut. Abd Al-Rahman schließt sich dieser Meinung an. »Ich bin wütend. Der Feind hat unser Land zerstört«, erklärt er, während sein Blick zu den sichtbaren Zeichen der Invasion wandert. »Dieses Dorf war einmal wunderschön – die Bäume, die Vögel … Jetzt ist es völlig zerstört.«
Das Golan-Haus für Kultur und Kunst ist das letzte Gebäude, das vor dem israelischen Militärkontrollpunkt in Madinat Al-Salam steht. Einige hundert Meter weiter, auf einer offenen Fläche, die mit aufgewühlter Erde und Reifenspuren übersät ist, ist der Panzer gut zu sehen. Der elegant gekleidete Leiter des Zentrums, Ahmad Al-Marduki, blickt aus seinem Bürofenster und kommentiert die Szene mit einem Augenzwinkern. »Sehen Sie sich an, was sie getan haben. Warum zerstören sie die Erde? Warum die Bäume zerstören? Diese Bäume sind seit Jahrzehnten gepflanzt worden, sie sind älter als der Staat Israel. Haben sie sie deshalb abgerissen?« fragt er.
Wie die meisten anderen Gebäude des Dorfes wurde auch das Kultur- und Kunstzentrum von den Soldaten gestürmt. Die Durchsuchung dauerte mehrere Stunden, da zwei Stockwerke und Dutzende Räume zu durchsuchen waren. »Als sie kamen, war alles verschlossen. Wir hatten die Schlüssel, aber haben sie auf uns gewartet, um die Türen zu öffnen? Nein, sie haben sie eingetreten«, erklärt Al-Marduki. Die Fußabdrücke sind noch immer auf den weißen Türen zu sehen. Im Inneren bedecken zerbrochenes Glas und weggeworfene Papierdokumente den Boden – unberührte Überbleibsel.
»Natürlich haben sie keine Waffen gefunden«, erklärt der Leiter des Zentrums achselzuckend. »Nicht einmal ein Messer, nicht einmal einen Löffel. Wir hatten während des Krieges keine Waffen, warum sollten wir also jetzt welche tragen? Wir sind nur eine kulturelle Plattform.« Das Zentrum bleibt jedoch für die Öffentlichkeit geschlossen, und Al-Marduki hat es nicht eilig, aufzuräumen und wieder zu öffnen. »Wir wissen nie, wann die Armee zurückkehrt und alles wieder zerstört, also warten wir lieber ab.«
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Mit der Arbeitsweise der israelischen Armee ist er vertraut. »Ich komme von den Golanhöhen«, sagt er stolz, während er durch das Fenster auf den Hügel am Horizont zeigt. »Von innen.« Seine Familie musste 1967 vor der Besatzung fliehen und hat es nie geschafft, zurückzukehren. Über den erneuten Vorstoß des Nachbarlandes auf syrisches Gebiet macht er sich jedoch keine Sorgen. »Warum sollten wir Angst haben, mein Freund? Sie haben uns immer am Kragen gepackt, wir sind daran gewöhnt«, sagt Al-Marduki. »Du hast gesehen, wie sie palästinensische Kinder behandeln. Hast du gesehen, dass sie Angst haben? Nein. Also sind wir auch aufrecht.«
Vom Krieg in die Belagerung
Die Lage in Madinat Al-Salam ist zwar schlimm, aber nicht so verzweifelt wie in Al-Hamidija. Das letzte Dorf vor den besetzten Golanhöhen liegt jenseits des Panzers und ist praktisch vom Rest der Welt abgeschnitten. Ein militärischer Kontrollpunkt bewacht den Dorfeingang und ermöglicht es, den Verkehr in und aus dem Dorf streng zu kontrollieren. Da die Hauptstraße blockiert ist, müssen die wenigen Bewohner, die das Dorf verlassen dürfen, ein Labyrinth von Nebenstraßen durch die karge Landschaft nehmen, was jede Fahrt um mindestens 20 Minuten verlängert.
»Wir sind 430 Menschen, die in Al-Hamidija gefangen sind«, beklagen die Dorfältesten. Sie sind in rot-weiße Kufijas gehüllt und sprechen zwischen zwei Zügen an ihren Zigaretten, während ein Dutzend Jugendlicher aufmerksam zuhört. Seit Beginn der Belagerung Anfang Dezember habe man wochenlang ohne Lebensmittel und Wasser ausgkommen müssen und keinen Zugang zu wichtigen Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung und Bildung gehabt. »Sie lassen nicht einmal humanitäre Organisationen hinein«, beklagt sich ein Älterer. »Unsere Kühe und Schafe sterben, weil wir nichts haben, womit wir sie füttern können. Wenn nachts ein Kind krank wird, können wir es nicht ins Krankenhaus bringen. Wir hungern und haben nichts mehr.«
Wie viele Dörfer in Syrien trägt auch Al-Hamidija die Narben des Krieges und der wirtschaftlichen Not. Nur eine Handvoll Geschäfte ist geöffnet, ihre Regale sind fast leer und aufgrund eines Stromausfalls in Dunkelheit gehüllt. Die Gebäude sind halbfertig oder verfallen, ihre Fassaden sind mit Löchern übersät, die von früheren Luftangriffen des syrischen Militärs herrühren. »Nach 14 Jahren des Leidens unter dem verbrecherischen Regime, nachdem wir Baschar Al-Assad vertrieben hatten, kamen die israelischen Besatzungstruppen. Wir sind eine Besatzung losgeworden, nur um einer anderen gegenüberzustehen«, sagt ein älterer Mann verbittert. Ein anderer fügt hinzu: »Ganz Syrien feiert, nur wir nicht.«
Al-Hamidija war eines der ersten Dörfer, das von der einmarschierenden Armee eingenommen wurde. Die Soldaten durchsuchten jedes Haus, suchten nach Waffen und erstellten ein umfangreiches Register der Bewohner, während einige Häuser ganz beschlagnahmt wurden. Entlang einiger Straßen sind noch immer die Spuren eines Panzers zu sehen. Die Dorfbewohner fühlen sich vergessen und im Stich gelassen. »Wo ist die Regierung? Wo sind die Vereinten Nationen? Wo sind die arabischen Nationen? Wo ist die Welt? Warum hilft uns niemand?« flehen sie. »Ist es unsere Schuld, dass wir in unserem Land geblieben sind? Wir werden nicht gehen, auch wenn wir verhungern. Wir werden den Fehler von 1967 nicht wiederholen.«
Doch die Menschen in Kuneitra sind nicht ganz vergessen. Etwa 70 Kilometer entfernt, im Herzen von Damaskus, findet ein kleiner, aber trotziger Protest statt und prangert Israels Einmarsch in Syrien und die anhaltende Besetzung Palästinas an. Unter den Augen Neugieriger und auch der bewaffneten Milizionäre, die jetzt die Hauptstadt des Landes kontrollieren, schwenken die Demonstranten syrische und palästinensische Flaggen. Auf ihren Transparenten und in Sprechchören fordern sie den sofortigen Rückzug Israels aus Kuneitra und von den besetzten Golanhöhen. Der Einmarsch in Syrien ist für sie nichts weiter als eine Lüge. »Wir wissen sehr wohl, dass Israel ein koloniales, expansionistisches Gebilde ist, das jede Gelegenheit nutzt, um seine Präsenz in der Region auszuweiten. Das hat uns schon immer beunruhigt«, sagt Zein Khuzam, ein Schriftsteller, der sich dem Protest angeschlossen hat. In ähnlicher Weise erklärt die Filmemacherin Riham Ezzaldeen, dass Israel nie ehrlich über seine wahren Absichten spricht. »Sie haben eine Karte, einen Plan, ein Ziel, und wann immer sie eine Chance haben, greifen sie zu«, sagt sie.
Doch hinter ihren starken Überzeugungen steckt auch Unsicherheit. »Ehrlich gesagt, bin ich nicht sehr optimistisch. Es besteht immer die Möglichkeit, dass diese Invasion dauerhaft wird«, warnt Zein. Aber Riham ist fest entschlossen. »Ich weigere mich, auch nur an diese Möglichkeit zu denken«, argumentiert sie. »Das ist schon einmal mit den Golanhöhen passiert. Das wird nicht noch einmal passieren.«
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