»Jahr des Krieges«
Von Knut Mellenthin
Manche träumen immer noch von einem dauerhaften Waffenstillstand im Nahen Osten. Aber Israels neuer Generalstabschef Eyal Zamir hat seinen Posten am Mittwoch mit einer klaren Ansage angetreten: 2025 wird »ein Jahr des Krieges« mit Konzentration auf den Gazastreifen und Iran, bei gleichzeitiger »Bewahrung und Vertiefung des Erreichten auf anderen Kampffeldern«.
Der 59jährige ersetzt Herzl Halevi, dessen Rücktritt wegen der mangelhaften Performance der Streitkräfte am 7. Oktober 2023 schon länger feststand. Zamir war zuletzt seit Anfang 2023 Generaldirektor des Verteidigungsministeriums. Er war schon zweimal, 2018 und 2022, in der engeren Auswahl für das Amt des Armeechefs. Als ehemaliger Militärsekretär des Premierministers von November 2012 bis September 2015 hat er ein enges Arbeitsverhältnis zu Benjamin Netanjahu.
Schon am Mittwoch kündigte Zamir mehrere Neubesetzungen von wichtigen Kommandostellen und organisatorische Umstrukturierungen an. Dazu gehört die Auflösung der erst 2020 beim Generalstab eingerichteten Planungs- und Führungsabteilung für den sogenannten dritten Kreis. Gemeint sind Gegner, die nicht direkt an Israel grenzen, gegenwärtig in erster Linie Iran. Die Aufgaben dieses Direktorats sollen auf andere Stellen verteilt werden, berichten israelische Medien, die offenbar selbst nicht genau wissen, was damit praktisch gemeint ist. Vermutet wird, dass die bei einigen Teilen der Streitkräfte, wie dem Militärgeheimdienst und der Luftwaffe, schon bestehenden dezentralen Iran-Abteilungen weiter ausgebaut werden sollen.
Ebenfalls an seinem ersten Tag im Amt setzte der neue Chef des Generalstabs eine Arbeitsgruppe ein, die die Untersuchungen über die Vorgänge am 7. Oktober 2023, deren Ergebnisse die Streitkräfte erst am Donnerstag voriger Woche den Medien zugänglich gemacht hatten, erneut überprüfen und Schlussfolgerungen entwickeln soll. Nach der Armee präsentierte am Dienstag auch der Inlandsgeheimdienst Schin Bet eine Zusammenfassung seiner internen Untersuchungsergebnisse zum gleichen Thema. Viele der zusammengetragenen Fakten und Erkenntnisse würden immer noch geheimgehalten, berichteten die israelischen Medien.
Ebenso wie der Führung der Armee waren auch dem Schin Bet die Pläne der Hamas aus den Jahren 2018 und 2022 bekannt, die unter dem Sammelnamen »Mauern von Jericho« in verschiedenen Versionen eine Angriffsoperation vorsahen, die weitgehend der vom 7. Oktober 2023 ähnelte. Man habe diese Entwürfe für ganz unrealistisch gehalten und sie daher nicht ernstgenommen, argumentiert der Inlandsgeheimdienst ebenso wie vorher schon die Streitkräfte. Allenfalls habe man sich eine geringe Zahl von Vorstößen kleiner Trupps durch die Grenzbefestigungen vorstellen können, aber nicht gleichzeitige Durchbrüche von insgesamt mehr als 5.000 palästinensischen Kämpfern an Dutzenden Stellen. Ein solches Szenario sei nicht in Betracht gezogen worden, und demzufolge sei es auch nicht Gegenstand von Abwehrplänen und Übungen gewesen. Der »Wandel der Hamas von einer Terrorgruppe zu einer voll entwickelten militärischen Streitkraft« sei nicht erkannt worden. Schin Bet habe sich auf die Abwehr von »Terrorangriffen« konzentriert, aber die dabei angewandten Methoden seien »nicht anwendbar auf einen Feind, der wie eine Armee agiert«.
Weiter heißt es in der Zusammenfassung, israelischen Medien zufolge, die Streitkräfte hätten ihre Aufklärungsabteilung 504, die mit einheimischen Informanten arbeitete, 2012 aus dem Gazastreifen abgezogen, so dass der israelische Geheimdienst auf sich allein gestellt gewesen sei. Nach der »verdeckten Operation« eines Armeetrupps in Khan Junis im November 2018 sei Hamas gezielt gegen Kollaborateure vorgegangen. Dadurch habe auch Schin Bet einen großen Teil seines Informantennetzes eingebüßt. Kennzeichnend sei, dass es vor der Operation vom 7. Oktober nicht eine einzige Warnung der V-Leute im Gazastreifen gegeben habe.
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