Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Ausgabe vom 26.03.2025, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Spur der Steine

Digitale Arbeit für die Freien und Schönen: Disneys Remake von »Schneewittchen«
Von Peer Schmitt
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Schneewittchen (Rachel Zegler) im digitalen Tierreich

Nicht einmal Scherben bringen mehr Glück. Zwar zerspringt der magische Spiegel der bösen Stiefmutter (Gal Gadot) in Disneys »Schneewittchen«-Remake am Ende doch noch fast zwangsläufig, schließlich sind Scherben zum unvermeidlichen Kennzeichen des komponierten digitalen Bildes geworden (ein Mosaik aus Bildschirmen, die sich wahlweise zum Stiefmuttermonster zsammensetzen und gleich wieder verschwinden können), doch ansehen möchten sich das anscheinend immer weniger Leute. In den USA waren die Besucherzahlen am Startwochenende zwar keine Katastrophe, aber blieben unter den Erwartungen, die angesichts der Produktionskosten von geschätzten 250 Millionen US-Dollar gar nicht hoch genug sein konnten.

Es scheint wie verhext. Damals, als man im Hause Disney noch ideologisch düster erzreaktionär war, aber fraglos technisch innovativ, war man noch in der Lage, für ganze Generationen zu definieren, wie Märchenadaptionen so auszusehen haben. Der Film von 1937, bekanntlich der erste animierte Langspielfilm aus dem Hause Disney überhaupt, erfand das Märchen neu und wirkungsmächtig. Mittlerweile ist man bei Disney nett, wacker, liberal, einige sagen sogar feministisch-klassenkämpferisch, es interessiert nur keinen mehr (eine Krise, die allerdings auch eine der Branche generell ist).

Schneewittchen möchte also nicht mehr im Tiefschlaf auf ihren Prinzen warten, sondern Verantwortung übernehmen für sich und ihr Königreich der »fair and free«. Daher hat man ihr eine Nebenhandlung zwischen »Robin Hood« und »Snow White and the Huntsman« (2012) verpasst. Auf das berühmteste Lied aus dem 37er Film, »Someday My Prince Will Come«, hat man zwar nicht völlig verzichtet, es aber als melodisches Zitatschmankerl doch ziemlich an den Rand gedrängt. Für einen großen Auftritt des neuen, durchaus musicalerprobten Schneewittchens Rachel Zegler taugt es scheinbar nicht mehr. Verzichtet hat man damit allerdings auch auf ein Stück erotischer Verheißung, auch wenn diese erst in der Aufnahme von Miles Davis 1961 mit John Coltranes Solo eingelöst worden sein mag.

Andere wiederum haben bemängelt, dass die Haut dieses Schneewittchen nicht mehr richtig weiß sei (wie der Schnee) und ihre Lippen auch nicht mehr so rot (wie das Blut). Eine ziemlich überflüssige Bemerkung, angesichts des Umstands, dass der ganze Film sich im berüchtigten digitalen Grauschleier präsentiert und allenfalls noch einzelne Signalfarben deutlich hervorstechen lässt: das Blau-gelb ihres Kleides (das zwischen den Bäumen flattert wie eine ukrainische Fahne), das Rot ihres Mantels (ihre energische Handlungsbereitschaft).

Signalhaft beginnt der Film mit der Überblendung des noch traditionell »gemalten« Zeichentrickbildes (die Kutsche des Königspaares – Schneewittchens Eltern) durch das neue, digital animierte Bild. Nach einer langen sinnfreien Kamerafahrt über die digital animierte Kulisse in der Totalen ist man im digitalen Scherben- und Zinnenbild angelangt. Die digitalen Zinnen sind grau und verschwommen, es sei denn, man zoomt penetrant an sie heran, angesichts der möglichen Tiefenschärfe des digitalen Bildes ein verwunderlicher Kunstgriff.

Das digitale Bild simuliert gleichsam die Spur einer Arbeit. So erscheint auf einer Festtafel eine Reihe frischgebackener Apfelkuchen fertig »aus dem Nichts« (wie das Geld auf dem Bankkonto). Tricktechnisch wäre dieses Stück Magie noch nie ein großes Problem gewesen, kaum aber so nahtlos den Herstellungsprozess tilgend (der Apfelkuchen ist nebenbei das Symbol für die glückliche Gemeinchaft in der letztlich kommunitaristischen Ideologie des Schneewittchens: »Meinst du mit Apfelkuchen kannst du die Welt verändern?«). Im digitalen Kino ist das Märchenhafte das Selbstverständliche.

Für die Spur der Arbeit stehen 1937 wie 2025 die sieben Zwerge ein. Noch immer sind sie wackere Bergleute, die nach Edelsteinen schürfen. Nur dass sie diesmal die Adern des Kostbaren im Berg per Handauflegen digital herbeizuzaubern in der Lage sind. Die rackernden Zwerge programmieren/komponieren ihr Bergwerk (früher mussten sie es nicht weniger mühsam per Hand nachzeichnen).

Die Zwerge haben bekanntlich sprechende Namen (Grumpy, Sleepy, Dopey usw.). Die Programmierer von heute sind zwar nicht namenlos, eine schier endlose Namensliste im Abspann gibt tatsächlich von ihrer Arbeit Zeugnis ab, doch wird das Unübersehbare gern übersehen/überlesen. Eines hat sich seit 1937 nicht verändert, die rackernden Zwerge, das sind wir geblieben, die namenlosen Programmier- und Redaktionssklaven (aber ohne ein Schneewittchen im Sarg und nur wenig Edelsteinen im Hunt).

»Schneewittchen«, Regie: Marc Webb, USA 2025, 109 Min., bereits angelaufen

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Martin M. aus Paris (26. März 2025 um 19:10 Uhr)
    Dem Autor entgeht der wichtigste Aspekt: Zum Boykott des Filmes aufzurufen. Gal Gadot, welche die böse Königin in Schneewittchen darstellt, hat Vorführungen eines israelischen Militärpropagandafilms organisiert, der den israelischen Völkermord zu rechtfertigen versucht.

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