Frieden sichern
Von Frank Schumann
Am 13. Oktober 1989 fallen die Würfel. An einem Freitag. Am Montag werden in Leipzig wieder 100.000 Demonstranten erwartet. Und Zusammenstöße. Krenz fliegt in die Messestadt und sagt der dortigen Einsatzleitung: Keine Gewalt! »Selbst wenn einer einen anderen Befehl geben sollte.« Damit ist Honecker gemeint, der Generalsekretär und Staatsratsvorsitzende. Beim Rückflug versichert ihm Generaloberst Fritz Streletz, seit 1971 Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates und stellvertretender Verteidigungsminister: »Ich bin auf die Verfassung der DDR vereidigt, nicht auf Erich Honecker.«
Gegen 17 Uhr sitzen beide bei Honecker. Der will Lagekarten der Leipziger Innenstadt haben, sehen, wo man Absperrgitter hinstellt. Das sei keine Option, erklären die beiden. Und Streletz holt einen vorbereiteten Befehl aus der Tasche. »Nach längerer Diskussion unterschreibt Honecker«, erinnert sich Krenz. Es ist der Befehl an alle Sicherheitsorgane des Landes, keine Gewalt in den politischen Auseinandersetzungen zuzulassen oder gar auszuüben. Und Streletz, der auch Stellvertreter des Oberkommandierenden der Streitkräfte des Warschauer Vertrages ist, telefoniert mit Wünsdorf. Dort sitzt der Oberkommandierende der sowjetischen Streitkräfte. Streletz sorgt mit seinen Anrufen dafür, dass die Truppen in ihren Kasernen bleiben. Die geplanten Herbstmanöver fallen aus …
Fritz Streletz war Soldat seit 1941 und dreieinhalb Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, studierte später an der Generalstabsakademie der UdSSR, wurde Chef des Hauptstabes der Nationalen Volksarmee. Ein Militär vom Scheitel bis zur Sohle. Streletz wurde 1948 Genosse, 1981 auch ZK-Mitglied. Er diente nicht nur seiner Partei, sondern mit Überzeugung seinem Vaterland DDR. Er war eine Schlüsselfigur des Herbstes ’89. Dass damals kein Blut floss, war Fritz Streletz zuzuschreiben. Statt ihn dafür zu ehren, steckte man ihn mehrere Jahre in den Knast. Wegen Totschlags an der Mauer.
Auf den Hohn der Sieger reagierte er mit der ihm eigenen Souveränität. Zum 50. Jahrestag machte er gemeinsam mit Heinz Keßler die Zusammenhänge deutlich: »Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben« (Edition Ost). Die Maßnahmen 1961 hatten eine Vorgeschichte wie jedes andere Ereignis auch. Die beiden Militärs belegten mit Dokumenten, was unverändert verdrängt wird. Der US-Präsident Kennedy meinte auch, die Mauer sei »keine sehr schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg«. Streletz und Co. verteidigten die nicht sehr schöne Lösung und sicherten damit den Frieden. Am Montag ist der Generaloberst a. D. in einer Pflegeeinrichtung in Oranienburg im Alter von 98 Jahren verstorben.
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Leserbrief von Rainer Robert Klee aus Bad Kreuznach (26. März 2025 um 12:45 Uhr)Menschlichkeit – Vorbild – Klugheit – Sachlichkeit – Zurückhaltung – Durchsetzungsvermögen durch Wissen – so sah und werde ich immer sehen. Generaloberst a. D. der NVA der DDR, Fritz Streletz! Ohne diesen Fritz Streletz hätte die DDR nicht bis 1989 bestand gehabt. Seine Ruhe, Bescheidenheit, Fleiß und Weitsicht als – Sekretär – des Verteidigungsrates der DDR haben Deutschland Ost wie West viele glückliche Jahre in Frieden geschenkt. Danke, dass ich mit diesem edlen Menschen zusammenarbeiten durfte. Danke, dass wir 1989 besonnen handeln konnten. Danke für die große Chance der Wiedervereinigung, die ohne Fritz Streletz nicht möglich gewesen wäre. Wir standen in Deutschland vor einem Bürgerkrieg in der DDR, der ohne großes Nachdenken zum Weltkrieg mutiert wäre! Die Wiedervereinigung ist nach 25 Jahren total gescheitert. Chance vertan! Fritz Strelezt hat alles getan, damit die Chance Erfolg gehabt hätte. Alles, ohne auf seine Gesundheit zu achten! Seine 98 Lebensjahre sind auf seine eiserne Disziplin für die menschliche Gesellschaft zurückzuführen.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralph D. aus Gotha (26. März 2025 um 09:54 Uhr)Das Auftreten von Fritz Streletz war immer von besonderer Korrektheit, aber auch menschlicher Verbundenheit geprägt. Ich konnte ihn in seiner aktiven Zeit als Stabschef der NVA ebenso erleben, wie späterhin nach 1990 als Zeuge in Prozessen gegen ehemalige Angehörige des Grenzkommandos Süd, wo ich als Verteidiger tätig war. Strukturiert, klar formuliert und klug durchdacht erklärte er den Gerichten das Grenzregime der DDR und die dazu bestandenen gesetzlichen Regelungen. Sein Auftreten hinterließ stets Eindruck. Auch im persönlichen Gespräch war er ein sehr angenehmer Partner, aufgeschlossen und freundlich. Ich werde ihn in guter Erinnerung behalten. Ralph Dobrawa, Gotha
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